Gedichte Wasser


Gedichte - Wasser

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Wasser für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 

Wasser

Wasser trägt im Ozeane
Tröstend fernhin den Betrübten,
Spült im Fluß auf leichtem Kahne
Den Geliebten zur Geliebten.

Wasser rauscht aus Felsenklüften
Als Gesang herab zum Tale,
Perlt als Tau aus Morgenlüften
In der Blumen Duftpokale.

Wasser träuft, als milder Regen,
Kühlend in die trockne Erde,
Wasser labt als Quell an Wegen
Wand'rer, Hirten, Wild und Herde.

Ohne daß es Wasser sauge,
Stürb' auf Erden alles Schöne,
Ach! und nur im Menschenauge
Ist das Wasser – eine Träne.

Karl Egon Ritter von Ebert

 

 

 

Das Wasser allein macht stumm,
das beweisen im Wasser die Fische,
Der Wein allein macht dumm,
das beweisen die Herren am Tische,
Daher, um keines von beiden zu sein,
trink' ich Wasser vermischt mit Wein.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Salz und Wasser kühlt
Nicht, wo Jugend fühlt;
Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 


Die Wasser tragen alles:
Leg' nur dein Glück darauf!
Sie heben's wie auf Händen
Zum Sternenlicht hinauf.

Die Wasser tragen alles:
Leg' auch dein Leid darauf!
Sie tragen's nach dem Meere
In nimmermüdem Lauf.

Karl Ernst Knodt

 

 

 

Natur gehet für die Lehr

Art lässet nicht von Art, die Katze läßt das Mausen,
Der Dieb das Stehlen nicht, die Affen wollen laufen,
Der Garten bringt sein Kraut, der Hirte treibt fürs Thor,
Was ehmals Wasser war, wird Wasser wie zuvor.
Salz komt aus Wasser her, es quillet aus der Erden,
Kan auch mit schlechter Müh' ein Wasser wiedrum werden,
Und weil denn Eis und Schnee aus Wasser ist gemacht,
So wird es auch sehr leicht ins Wasser wieder bracht.
Die Katz' hält zwar das Licht, wann Salomo will essen;
Erblicket sie die Maus, so ist des Lichts vergessen,
Und wann Marcolphus gleich noch eins so zornig wär,
Bleibt doch mein Sprichwort wahr: Natur geht für die Lehr.

Johann Rist

 

 


Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem großen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

Am Brunnen

Was sehen denn die Leute
Mich bloß so eigen an?
Als wüßten sie es alle,
Was keiner wissen kann.

Ich glaube gar, sie lesens
Mir ab von dem Gesicht,
Als ob sie's alle wissen,
Und das dürfen sie doch nicht.

Das Wasser in dem Brunnen,
Das sagt es mir sogleich;
Meine Augen die sind trübe,
Meine Wangen die sind bleich.

Das Wasser in dem Brunnen,
Verschweigt wohl, was es weiß;
So kühl ist ja das Wasser,
Die Reue, die ist heiß.

Die Reue, ja die Reue,
Die brennet gar zu sehr;
Das tiefe tiefe Wasser
Das gibt nichts wieder her.

Hermann Löns

 

 

 

 

Predige nicht Wasser
Dem, der nur Bier will.
Dräng nicht zu dem,
Der nicht zu Dir will.
Hoff auf niemand zu wirken,
Eh gewalkt ihn die Not.
Dann schreit der Durst: Wasser!
Und: Hilfe! der Hasser – –
Dann dünkst du ihm – Brot!

Emil Gött

 

 

 

Mondschein

Bleich und müde
Schmieg und weich
Kater duften
Blüten graunen
Wasser schlecken
Winde schluchzen
Schein entblößt die zitzen Brüste
Fühlen stöhnt in meine Hand.

August Stramm

 

 


Grüner Wildbach - klar der Quelle Wasser,
Kalter Berg - weiß des Mondes Hof.
Schweigende Erkenntnis,
der Geist von selbst erleuchtet,
die Leere schauend,
geht Wahn in Stille über.

Han Shan

 

 

 

 

Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
Alles wird durch Wasser erhalten!
Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.
Wenn du nicht in Wolken sendetest,
Nicht reiche Bäche spendetest,
Hin und her nicht Flüsse wendetest,
Die Ströme nicht vollendetest,
Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
Du bist's, der das frischeste Leben erhält.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Nützliche Lehre

Ein kluger Mann hieraus ersicht
Daß Weins Genuß ihm schadet nicht;
Und item, daß ein guter Christ
In Wein niemalen Wasser gießt:
Dieweil darin ersäufet sind,
All' sündhaft Vieh und Menschenkind.

August Kopisch

 

 

 

 

Abschiednehmen
sich trennen
aufgeben
einen Teil von sich selbst
etwas dem Wind überlassen
den Fluten
dem Wasser
das Sterben lernen
jeden Tag ein wenig
für das Neue
das folgt.

Nachruf

 


Möge Gott das Wasser in deinem Brunnen
nie versiegen lassen,
Möge Gott die Milch deiner Kuh
nie versiegen lassen,
Möge Gott die Quellen der Wohltaten,
die du anderen erweist,
nie versiegen lassen.

Altirischer Segenswunsch

 

 

 

 

 

Ich will von den beiden Meeren,
die ewig steigen und fallen,
von Tod und Leben will ich nichts mehr wissen.
Meine Sehnsucht steht nach einem Gipfel,
den die Wasser nicht erreichen.

Aus Japan

 

 

Es gibt zehn starke Dinge.
Eisen ist stark, doch schmilzt es im Feuer.
Feuer ist stark, doch das Wasser löscht es.
Wasser ist stark, doch Wolken verwandeln es in Dampf.
Wolken sind stark, doch der Wind vertreibt sie.
Der Mensch ist stark, doch die Angst wirft ihn nieder.
Die Angst ist stark, doch der Schlaf überwindet sie.
Der Schlaf ist stark, doch der Tod ist stärker.
Herzensgüte aber übersteht auch den Tod.

Talmud

 

 

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich:
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.
Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
Sei's an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

Rainer Maria Rilke

 

 

Regen in der Dämmerung

Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süßem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut.

Das rinnende rauschende Wasser
Berauschte verwirrend die Stimmen
Der Träume, die blasser und blasser
Im schwebenden Nebel verschwimmen.

Der Wind in den wehenden Weiden,
Am Wasser der wandernde Wind,
Berauschte die sehnenden Leiden,
Die in der Dämmerung sind.

Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regend, der rieselnd fiel.

Hugo von Hofmannsthal

 

 


Zähl die Freunde, die ich habe:
Kiefer, Bambus, Stein und Wasser.
Mond, auch du bist mein Gefährte,
leuchtend überm Ostgebirg.
Sag, wie sollt ich mehr mir wünschen,
sind nicht diese fünf genug?

Yun Son-Do

 

 

 

… und nüt stoht still.
Hörsch nit,
wie's Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel
obe Stärn an Stärn?
Me meint, vo alle rüehr si kein,
und doch ruckt alles witers,
alles kunnt und goht.

Johann Peter Hebel

 

 

Sterne wandern durch die Weiten;
ferne Wasser singen sacht.
Möcht mein Herz mir schier entgleiten
in den Silberglanz der Nacht.

Menschenleid und Menschenfehle
sind so fern und erdenweit –
Gib, o Nacht, doch meiner Seele
deiner Reinheit Sternenkleid!

Rudolf Koch

 

 

Daß Marilla ihre Lieb'
Einem andern wolle schenken,
Der dir nicht das Wasser reicht,
Soll, o Frommhold,
Dich nicht kränken;
Daß sie solche Wahl genommen,
Laß' ich mir kein Wunder sein:
Kinder nehmen für die Perle
Einen runden Kieselstein.

Johann Grob

 

 

Viel Träume

Viel Vögel sind geflogen,
Viel Blumen sind verblüht,
Viel Wolken sind gezogen,
Viel Sterne sind verglüht;
Vom Fels aus Waldesbronnen
Sind Wasser viel geschäumt:
Viel Träume sind zerronnen,
Die du, mein Herz, geträumt.

Robert Hamerling

 

 

 


Die Winterwasser rauschen,
dem Bache muß ich lauschen,
der unterm Brückstein quillt;
so rauscht das junge Leben
und will das Schicksal heben
und gurgelt so und schwillt;
die Quadern bleiben liegen,
das Wasser muß sich schmiegen,
und schäumt's auch noch so wild.

Karl Friedrich Henckell

 

 

Der Asra

Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!

Und der Sklave sprach: Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Jemen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.

Heinrich Heine

 

 

 

 

Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar ...
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün
Als an dem Abend in der Regenzeit.
Ich dachte lange an dein weiches Kleid ...
Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß
Als an dem Abend, der mit Regen sank;
Und deine Hände sah ich schön und schlank ...
Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land
An jenem Abend, den ich regnen fand;
So hab ich mich in deinem Aug erkannt ...
Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,
greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

 

 

Sieh! keinen Tropfen Wasser schluckt das Huhn,
Ohn' einen Blick zum Himmel auf zu tun;
Und ohne vor anbetend sich zum Staube
Geneigt zu haben, pickt kein Korn die Taube.
Was sie bewußtlos tun, tu du's bewußt;
Daß du vor ihnen dich nicht schämen mußt.

Friedrich Rückert

 

 

 

Je grüner der Frosch, desto quak.
Je höher der Sprungturm, desto platsch.
Je härter die Nuß, desto knack.
Je gelber das Telefon, desto hallo.
Je tiefer das Loch, desto plumps.
Je tiefer das Wasser, desto blubb.
Je schneller das Auto, desto Krach.

Unbekannt

 

 

Dämmernd liegt der Sommerabend
Über Wald und grünen Wiesen;
Goldner Mond, im blauen Himmel,
Strahlt herunter; duftig labend.

An dem Bache zirpt die Grille,
Und es regt sich in dem Wasser;
Und der Wandrer hört ein Plätschern
Und ein Atmen in der Stille.

Dorten, an dem Bach alleine,
Badet sich die schöne Elfe;
Arm und Nacken, weiß und lieblich,
Schimmern in dem Mondenscheine.

Heinrich Heine

 

 


Am Strande

Vorüber die Flut.
Noch braust es fern.
Wild Wasser und oben
Stern an Stern.

Wer sah es wohl,
O selig Land,
Wie dich die Welle
Überwand.

Noch braust es fern.
Der Nachtwind bringt
Erinnerung und eine Welle
Verlief im Sand.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Die Beredsamkeit

Fremde, Wasser machet stumm:
Lernet dies an Fischen.
Doch beim Weine kehrt sichs um:
Dieses lernt an unsern Tischen.
Was für Redner sind wir nicht,
Wenn der Rheinwein aus uns spricht!
Wir ermahnen, streiten, lehren;
Keiner will den andern hören.

Gotthold Ephraim Lessing

 

 

Am Flusse

Verfließet, vielgeliebte Lieder,
Zum Meer der Vergessenheit!
Kein Knabe sing' entzückt euch wieder,
Kein Mädchen in der Blütenzeit.

Ihr sanget nur von meiner Lieben;
Nun spricht sie meiner Treue Hohn.
Ihr wart ins Wasser eingeschrieben;
So fließt denn auch mit ihm davon.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 


Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegeln ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

Narretei

Torheiten begangen, Torheiten gemacht,
Ich mache deren noch immer.
Ich hab sie gemacht bei Tag und bei Nacht,
Die nächtlichen waren weit schlimmer.
Ich hab sie gemacht zu Wasser und Land,
Im Freien wie im Zimmer.
Ich machte viele sogar mit Verstand,
Die waren noch viel dümmer.

Heinrich Heine

 

 

 

Ihr steckt die Hand wohl in die Wogen,
Doch denkt ihr nimmermehr dabei,
Wenn ihr sie dann zurückgezogen,
Daß nun ein Loch im Wasser sei;
Und habt ihr eine Stellung inne,
So meint ihr doch im eitlen Sinne,
Daß, wenn ihr unverhofft erblasset,
Ihr eine Lücke hinterlasset,

Karl Ferdinand Dräxler-Manfred

 

 

Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand,
ohne Gott ein Tropfen in der Glut,
ohne Gott bin ich ein Gras im Sand
und ein Vogel, dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft,
bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.

Jochen Klepper

 

 

 

Der Bäume Schatten stirbt wie Rauch, wie blasser,
Im nebeltrüben Wasser,
Wann aus den Lüften tief versteckt im Laube
Süß klagt die Turteltaube.

Wie sehr gleicht, blasser Wandrer, deinem Bilde
Dies bleichende Gefilde.
Wie weint in den Gezweigen schwermuttrunken
Dein Hoffen, das versunken.

Paul Verlaine

 

 

 

Warnung vor dem Wasser

Guckt nicht in Wasserquellen
Ihr lustigen Gesellen,
Guckt lieber in den Wein!
Das Wasser ist betrüglich,
Die Quellen sind anzüglich:
Guckt lieber in den Wein!

Narziß, der hat's erfahren
In seinen schönsten Jahren!
Er sah nicht in dem Wein,
Nein, in dem Quell der Wildnis
Sein allerliebstes Bildnis –
Guckt lieber in den Wein!

Schon mancher ist versunken,
Noch keiner ist ertrunken
In einem Becher Wein;
Die sich darin betrachten,
Die können nicht verschmachten,
Drum guck' ich in den Wein!

Ihr lustigen Gesellen,
Guckt nicht in Wasserquellen,
Guckt lieber in den Wein!
Doch über euer Gucken
Vergeßt auch nicht zu schlucken –
Trinkt aus, trinkt aus den Wein!

 

Wilhelm Müller

 

 

 

Punschlied

Vier Elemente, innig gesellt,
bilden das Leben, bauen die Welt.

Preßt der Zitrone saftigen Stern!
Herb ist des Lebens innerer Kern.

Jetzt mit des Zuckers linderndem Saft
Zähmet die herbe brennende Kraft.

Gießet des Wassers sprudelnden Schwall!
Wasser umfänget ruhig das All.

Tropfen des Geistes gießet hinein!
Leben dem Leben gibt er allein.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

 

Die Einheit allen Seins

Alles, vom Niedrigsten bis zum Höchsten,
vom Kleinsten bis zum Größten,
lebt gleichberechtigt in dir. In einem einzigen
Atom findest du alle Elemente der Erde,
ein einziger Tropfen Wasser beinhaltet alle
Geheimnisse des Ozeans, und in einer
einzigen Regung des Geistes findest du die
Bewegung sämtlicher Lebensgesetze.

Khalil Gibran

 

 

 

Wo einer denkt, entsteht ein kleiner Funke,
wo tausend denken, wird daraus ein Licht.
Ein Tröpfchen Wasser reicht noch nicht zum Trunke
und ein Erkenntniskorn genügt noch nicht.
Erst wenn dasselbe Millionen fühlen,
erst wenn uns allesamt ein Ding bewegt,
kann unser Handeln jenen Wert erzielen,
der die Gewähr für unsere Zukunft trägt.

Unbekannt

 


Die vielen Mühlen gehen und treiben schwer.
Das Wasser fällt über die Räder her,
und die moosigen Speichen knarren im Wehr.

Und die Müller sitzen tagein, tagaus
wie Maden weiß in dem Mühlenhaus
und schauen oben zum Dache hinaus.

Aber die hohen Pappeln stehn ohne Wind
vor einer Sonne herbstlich und blind,
die matt in die Himmel geschnitten sind.

Georg Heym

 

 

 

Morgenstund hat Gold im Mund

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich ”Euer Gnaden.“

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Frage und Antwort

Fragst du mich, woher die bange
Liebe mir zum Herzen kam,
und warum ich ihr nicht lange
schon den bittren Stachel nahm?

Sprich, warum mit Geisterschnelle
wohl der Wind die Flügel rührt,
und woher die süße Quelle
die verborgnen Wasser führt?

Banne du auf seine Fährte
mir den Wind in vollem Lauf!
Halte mit der Zaubergerte
du die süßen Quellen auf!

Eduard Mörike

 

 

 

Sie sang vom irdischen Jammertal,
von Freuden, die bald zerronnen,
vom Jenseits, wo die Seele schwelgt,
verklärt in ewigen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
das Eiapopeia vom Himmel,
womit man einlullt, wenn es greint,
das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
ich kenn' auch die Herren Verfasser;
ich weiß, sie tranken heimlich Wein
und predigten öffentlich Wasser.

Heinrich Heine

 

 

 

 

Am fließenden Wasser

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,
Durchsichtig fließen die Wogen,
Und senkrecht ob ihm hat sein Rund
Ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn
Zuhöchst im Himmelsdome;
Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
Glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht
Ins Blaue durch seine Welle.
Ich glaube gar, das Sehnen zieht
Eins an des andern Stelle!

Gottfried Keller

 

 

 

 

O wo ist, wo ist das Glück zu Hause,
Daß ich's endlich finden mag und greifen,
Und mit starker Fessel an mich binden!
O wo ist, wo ist das Glück zu Hause!

»Wo des Mondes Sichel schwimmt im Wasser,
Wo das Echo schläft am hohlen Felsen,
Wo der Fuß des bunten Regenbogens
Auf dem Rasen steht, da geh' es suchen!«

Emanuel Geibel

 

 

 

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen
das Land in den See,
ihr holden Schwäne,
und trunken von Küssen
tunkt ihr das Haupt
ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn
es Winter ist, die Blumen, und wo
den Sonnenschein
und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
sprachlos und kalt, im Winde
klirrren die Fahnen.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

Am Brunnen hab' ich gestanden
Und wußte nicht, wie mir war –
Das Wasser rann über den Eimer,
Und ich ward's nicht gewahr. –

Ich sah in die dunkle Tiefe,
Es fielen die Thränen hinab.
Was weiß der tiefe Brunnen,
Daß ich geweinet hab?

Er hat mir Lieb' versprochen
Und kommt doch nimmermehr.
Ich trag' die Eimer zum Heime,
Die Last ist gar zu schwer.

Karl Siebel

 

 

 


Wasserfall bei Nacht

Ruhe, Ruhe, tiefe Ruhe.
Lautlos schlummern Menschen, Tiere.
Nur des Gipfels Gletschertruhe
schüttet talwärts ihre
Wasser.

Geisterstille, Geisterfülle,
öffnet eure Himmelsschranke!
Bleibe schlafend, liebe Hülle,
schwebt, Empfindung und Gedanke,
aufwärts!

Aufwärts in die Geisterhallen
taste dich, mein höher Wesen!
Laß des Leibes Schleier fallen,
koste, seingenesen,
Freiheit!

Christian Morgenstern

 

 

 

Mondnacht

Ein Lorbeerblatt auf einem Schwanenrücken
fand ich in stiller, grüner Waldesnacht:
O süßer, keuscher Anblick zum Entzücken –
von einer Meisterhand göttlich erdacht!

Die Wasser küßte traumhaft-tiefes Schweigen,
kein Hauch lag auf der märchenklaren Flut,
das Mondlicht troff rings von den blühenden Zweigen,
färbte den Wald rings mit Rubinenglut.

Wilhelm Arent

 

 

 

Nächtliche Scheu

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand,
dämpft mir alle Glut.

Ein verirrter Schimmer schwebt
durch den Wald zum Fluß,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuß.

Hörst du, Herz? Die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küsse ich dich.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

 

Das Wasserrohr

Nachts braust ein hohles Rauschen an mein Ohr.
Schrill tönt mein Schritt, der banges Leben kündet.
Tief unterm Erdreich liegt ein Wasserrohr:
Weiß nicht, wo's herkommt, – weiß nicht, wo es mündet.

So tief wie eine Ahnung rollt der Schall,
wie bange Märchen, die wir schaudernd träumen.
Mein Fuß erschrickt – und weiß, daß überall
tief unter meinen Wegen Wasser schäumen.

Erich Mühsam

 

 

 

Der Weise

Von allen Freuden abgeschieden,
Mit Wasser und mit Brot zufrieden,
Lebt dort Arist vergnügt allein.
Und man verleibet ihn den Reihn
Der Weisen unsrer Zeiten ein.

Von ihm bin ich nicht unterschieden.
Ich lebe so wie er zufrieden, –
Doch nur bei Freunden, Mädchen, Wein :
Warum verleibt man mich den Reihn
Der Weisen unsrer Zeit nicht ein ?

Christian Felix Weisse

 

 

Sommerabend

Faltenlos sind alle Dinge,
Wie vergessen, leicht und matt.
Heilighoch spült grüner Himmel
Stille Wasser an die Stadt.

Fensterschuster leuchten gläsern.
Bäckerläden warten leer.
Straßenmenschen schreiten staunend
Hinter einem Wunder her.

... Rennt ein kupferroter Kobold
Dächerwärts hinauf, hinab.
Kleine Mädchen fallen schluchzend
Von Laternenstöcken ab.

Alfred Lichtenstein

 

 

 

Ein Aufatmen

Grüne Tannen, bunte Blumen,
Blauer Himmel, Luft und Duft,
Silberhelle Wasser rieseln
Aus der grauen Felsenkluft.

Helle Sonnenlichter zittern
Spielend auf dem feuchten Grund,
Und der Vögel heimlich Zwitschern
Gleicht dem Wort aus liebem Mund.

Grüne Tannen – kleine Vögel,
Ach, – ihr kennt ein Zauberwort – –
Euer Rauschen, euer Zwitschern
Scheucht die alten Schmerzen fort!

Ada Christen

 

 

 

Woher?

Wie der Wasserlilie Kelch
Leuchtend auf den Wellen schwanket,
Während in dem Schoß der Wasser
Sich ihr stiller Stengel ranket:

So, ein lichtes Wunder, schwimmt
Träumerisch mir im Gemüte
Über tiefen, dunklen Fluten
Meiner Liebe weiße Blüte.

Ihre Wurzel sah ich nie;
Heimlich sproßten ihre Triebe:
Wie sie plötzlich sich entfaltet,
Wußt' ich eins nur – daß ich liebe!

Viktor Blüthgen

 

 


Blüte

Diamanten wandern übers Wasser!
Ausgereckte Arme
Spannt der falbe Staub zur Sonne!
Blüten wiegen im Haar!
Geperlt
Verästelt
Spinnen Schleier!
Duften
Weiße matte bleiche
Schleier!
Rosa, scheu gedämpft, verschimmert
Zittern Flecken
Lippen, Lippen
Durstig, krause, heiße Lippen!
Blüten! Blüten!
Küsse! Wein!
Roter
Goldner
Rauscher
Wein!
Du und Ich!
Ich und Du!
Du?!

August Stramm

 

 

 

Stille Stunde

Schwer glitt der Kahn. Die Silberweiden hingen
schauernd zur Flut. Und bebend glitt der Kahn.
Und deine Worte fremd und klanglos fielen
wie blasse Mandelblüten leicht und leuchtend
zum Fluß aus dessen schwankem Grunde spiegelnd
die hellen Wiesen lockten und der Himmel
und allen Lebens traumhaft Bild indes
vom flirrenden Geäst durchsungner Kronen
der Abend in Rubinenfeuern sprühend
sich golden in die lauen Wolken schwang.

Und deine Worte sanken mit dem Rauschen
erglühter Wasser und dem süßen Takt
tropfender Ruder fremd und schwer zusammen
in eine dunkle Weise hingeschleift
vom matten Licht der Dämmerung die schon feucht
die Wiesen überrann ein Kinderlied
aus Spiel und Traum gefügt das weich wie Flaum
blaßroter Wölkchen durch den bebenden Glanz
der Wasser ging und still im Abend losch.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

Konkurrenz

Ich kenne ein liebliches Mädchen,
für das mein Herz entbrennt;
jedoch ihr Vater ist leider
mein schlimmster Konkurrent.
Gelangt seine Firma zur Blüte,
dann komme ich auf den Hund,
doch siege ich in dem Kampfe,
geht er gewißlich zugrund.

Bleibt jener andere Sieger,
ist sie eine gute Partie,
dann gibt er mir armer Schlucker
die einzige Tochter nie;
doch schlage ich ihn aus dem Felde,
ist die Heirat ein mißlicher Schritt,
dann bringt meine Herzallerliebste
keinen einzigen Kreuzer mit.

"Einst waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb
und konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief."
Leb' wohl, mein schwarzbraunes Mädchen,
Leb' wohl, o Liebe und Lenz!
Viel schlimmer als meertiefes Wasser
ist unsere Konkurrenz.

Heinrich Schäffer

 

 

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Guter Rat

Daß dir die Lieb versagt dein Schatz,
Ist weder schön noch recht,
Doch schimpf' nicht wie im Rohr der Spatz
Darum aufs ganze Geschlecht.

Und spring auch nicht in einen See
Vor lauter Gram und Pein.
Viel besser ist für Liebesweh
Als schnödes Wasser der Wein.

Geschwind die Kanne herab vom Brett!
Schau, golden rinnt's vom Spund.
Dein Leid ist tiefer nicht, ich wett',
Als deines Bechers Grund.

Rudolf Baumbach

 

 

 

 

 

 


Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm

 

 

Zwei

Drüben du, mir deine weiße
Rose übers Wasser zeigend,
Hüben ich, dir meine dunkle
Sehnsüchtig entgegen neigend.

In dem breiten Strome, der uns
Scheidet, zittern unsre blassen
Schatten, die vergebens suchen,
Sich zu finden, sich zu fassen.

Und so stehn wir, unser Stammeln
Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,
Und wir können nichts als unsre
Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.

Leis, gespenstig, zwischen unsern
Dunklen Ufern schwimmt ein wilder
Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken
Unsre blassen Spiegelbilder.

Gustav Falke

 

 

 

 

Hoffnung

Hoffnung schlummert tief im Herzen
Wie im Lilienkelch der Tau
Hoffnung taucht, wie aus den Wolken
Nach dem Sturm des Himmelsblau;
Hoffnung keimt, ein schwaches Hälmchen,
Auch aus nackter Felsenwand;
Hoffnung leuchtet unter Thränen,
Wie im Wasser der Demant

Schon so tausendfach betrogen,
Armes, schwaches Menschenherz,
Immer wendest du dich wieder
Gläubig trauernd himmelwärts.
Wie Arachne unverdrossen,
Täglich neue Netze spannt,
Kreuze auch durch ihre Fäden,
Täglich rauh des Schicksals Hand.

Franz Freiher von Gaudy

 

 

 

Ein Rheinsalm schwamm den Rhein
bis in die Schweiz hinein.

Und sprang den Oberlauf
von Fall zu Fall hinauf.

Er war schon weißgottwo,
doch eines Tages – oh! –

da kam er an ein Wehr:
das maß zwölf Fuß und mehr!

Zehn Fuß – die sprang er gut!
Doch hier zerbrach sein Mut.

Drei Wochen stand der Salm
am Fuß der Wasser-Alm.

Und kehrte schließlich stumm
nach Deutsch- und Holland um.

Christian Morgenstern

 

 

 

 

Doch nun will ich dienen der Menschenhand,
In der Thäler sanftes, grünes Gewand
Will ich den silbernen Gürtel weben,
Will die frommen, hellen,
Plaudernden Wellen
Ruhig schlängelnd durch Gärten gießen,
Will schwatzend an Blumen vorüberfließen;
Der Hirsch, das Reh
Sollen aus meinen Fluten trinken
Und in holdem Weh,
Wenn die Sterne blinken,
Mag eine Jungfrau, die einsam wacht
In lauer Sommernacht,
Meinem Rauschen
Lauschen.

Friedrich Theodor von Vischer

 

 

 

Die stille Wasserrose

Die stille Wasserrose
Steigt aus dem blauen See,
Die feuchten Blätter zittern,
Der Kelch ist weiß wie Schnee.

Da gießt der Mond vom Himmel
All seinen goldnen Schein,
Gießt alle seine Strahlen
In ihren Schoß hinein.

Im Wasser um die Blume
Kreiset ein weißer Schwan;
Er singt so süß, so leise,
Und schaut die Blume an.

Er singt so süß, so leise,
Und will im Singen vergehn –
O Blume, weiße Blume,
Kannst du das Lied verstehn?

Emanuel Geibel

 

 


Letzter Versuch

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in's Wasser gesprungen:
Sie erwischten mich bei den Füßen.

Ich habe die Adern geöffnet mir:
Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
Weich hat der Sand mich gebettet.

Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
Woran man sonst kann verderben –
Nun werd' ich wieder zu leben versuchen:
Vielleicht kann ich dann sterben.

Ada Christen

 

 

 

Scheiden, ach Scheiden

Dort droben in jenem Tale,
da treibet das Wasser ein Rad,
das mahlet nichts anders als Liebe
vom Abend bis an den Tag.

Das Mühlrad ist zersprungen,
die Lieb hat noch kein End:
wenn zwei voneinander scheiden,
so reichens einander die Händ.

Ach Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden –
wer hat das Scheiden erdacht?
Es hat mir mein junges Leben
zum Untergang gebracht.

Volksweise

 

 

Mißmut

Ein Rauch verwehrt.
Ein Wasser verrinnt.
Eine Zeit vergeht.
Eine neue beginnt.
Warum? Wozu?
Denk' ich dein Fleisch hinweg, so bist
Du ein dünntrauriges Knochengerüst,
Allerschönstes Mädchen du.

Wer hat das Fragen aufgebracht?
Unsere Not.
Wer niemals fragt, wäre tot.
Doch kommt's drauf an, wie jemand lacht.

Bist du aus schlimmem Traum erwacht,
Ist eine Postanweisung da,
Ein Telegramm, ein guter Brief, -
Du atmest tief
Wie eine Ziehharmonika.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Abendfriede

Schwebe, Mond, im tiefen Blau
Ueber Bergeshöhn,
Sprudle Wasser, blinke Thau . . .
Nacht, wie bist du schön!

Spiegle, See, den reinen Strahl;
Friede athmend lind
Durch das wiesenhelle Thal
Walle, weicher Wind!

Wie durch einen Zauberschlag
Bin ich umgestimmt
Von Gedanken, die der Tag
Bringt und wieder nimmt.

Daß es auch ein Sterben gibt,
Fühl' ich ohne Schmerz,
Was ich liebe, was micht liebt,
Geht mir still durchs Herz.

Ludwig Eichrodt

 

 

Maigeschehen

Der Maiwind bläst den Fluss entlang.
Hoch wird die Birke aufgeweht.
Ein Riesenhauch stromüber geht
und kraust die Wasser dunkel hin –
Und alles das an dir geschieht
im Mai den Fluss entlang.

Die Sonne ist so jung und blond.
Ein Himmel weit und weiß und blau
grenzt überall ans Herz genau.
Das endet nie. Und jung und blond
und Sonne, Himmel dir geschieht
im Mai den Fluss entlang.

Rudolf Georg Binding

 

 

 

Den Wäldern ist zu Füßen tief
Das dürre Laub geblieben;
Am Himmel steht ein Scheidebrief
Ins Abendrot geschrieben.

Die Wasser glänzen still und kühl,
Ein Herbst ist drin ertrunken;
Mir ist ein schauernd Grabgefühl
Ins warme Herz gesunken.

Du schöne Welt! muß ich wohl bald
In diese Blätter sinken,
Daß andres Herz und andrer Wald
Die Lebenslüfte trinken?

Wenn du für dieses Herzens Raum
Ein Beßres weißt zu finden,
Laß mich aus deinem Lebenstraum
Rasch und auf ewig schwinden!

Gottfried Keller

 

 

Die einst Gespielen waren, die sind nun träg und alt,
Umbrochen ist das Feld und ausgehaun der Wald.
Wenn nicht das Wasser flösse, so wie es einstens floß,
Fürwahr, ich dächt' es wäre das Unglück gar zu groß.
Mich grüßet mancher träge, der einst mich kannte wohl.
Die Welt ist allenthalben der Trübsal übervoll;
Nun ich gedenk an manchen gar wonniglichen Tag,
Zerflossen sind sie alle, wie in das Meer ein Schlag!

Walther von der Vogelweide

 

 

 

Das Leben magst du wohl vergleichen einem Feste,
Doch nicht zur Freude sind geladen alle Gäste.
Gar manchen, scheint es, lud man nur, um die Beschwerde
Zu übertragen, daß die Lust den andern werde.

Den Esel lud man einst zu diesem Hochzeitsschmause,
Weil es zu tragen Holz und Wasser gab im Hause.
Der Esel dachte stolz, geladen bin ich auch,
Jawohl, beladen mit dem Tragreff und dem Schlauch.

Friedrich Rückert

 

 

 

Armes Mädchen

Ein Bissen Brot,
Ein Stückchen Wurst,
Ein Glas voll Wasser
Für den Durst,
Ein Teller mit
Geblümtem Rand,
Und ich davor, so
Hand in Hand …

Mein Blick geht leer
Darüber hin.
Mir will es gar nicht
Aus dem Sinn,
Daß du mich gestern
Hast geküßt
Und heut' schon bei der
Andern bist.

Der Abend kommt.
Ich spar das Licht.
Zum bißchen Essen
Brauch' ich's nicht.
Und wie es schmeckt,
Es ist ja gleich,
Ist doch vor lauter
Thränen weich …

Ludwig Jacobowski

 

 


Ziellose Liebe

Die wüsten Wasser durchschneidet der Kiel.
Wohin ich fahre – mein fernes Ziel,
ich kenne es nicht, und die Nacht so schwer
und so dunkel – das Leben so dunkel und leer. –

Ein Licht am Ufer – der Sapphosprung!
Da steigt sie auf, so leuchtend und jung,
ich seh ihre ragende Lichtgestalt –
ihr letzter Sehnsuchtsschrei verhallt.

Die Liebe, die Liebe – einziges Ziel,
mit ihr alle Stürme Kinderspiel.
Der Sappho Schrei, wie lange vergellt.
Am Felsen der Sehnsucht alles zerschellt!

Hermione von Preuschen

 

 

 

Abend in Lans

 

Wanderschaft durch dämmernden Sommer
An Bündeln vergilbten Korns vorbei. Unter getünchten Bogen,
Wo die Schwalbe aus und ein flog, tranken wir feurigen Wein.

Schön: o Schwermut und purpurnes Lachen.
Abend und die dunklen Düfte des Grüns
Kühlen mit Schauern die glühende Stirne uns.

Silberne Wasser rinnen über die Stufen des Walds,
Die Nacht und sprachlos ein vergessenes Leben.
Freund; die belaubten Stege ins Dorf.

Georg Trakl

 

 

Vorfrühling

Schon entkeimt die Hyazinthe.
Aber unsereiner steckt
Bis zum Nabel in der Tinte,
Die nicht halb so lieblich schmeckt.

Alle Zwiebeln, alle Knollen
Sind vom Bildungstrieb gereizt,
Und sie wissen, was sie wollen,
Wenn man nicht mit Wasser geizt.

Ohne weitre Redensarten,
Ohne Zutat oder Mist
Rührt sich das in seinem Garten,
Bis das Rüchlein fertig ist.

Unsereinem ist inweilen
Auch ein Resultat entflohn:
Ein Papier voll kurzer Zeilen
Oder gar ein Feuilleton.

Dr. Owlglass (Eulenspiegel)

 

 

 

 

Das Meer erglänzte weit hinaus
Im letzten Abendscheine;
Wir saßen am einsamen Fischerhaus,
Wir saßen stumm und alleine.

 

 

Der Nebel stieg, das Wasser schwoll,
Die Möwe flog hin und wider;
Aus deinen Augen, liebevoll,
Fielen die Tränen nieder.

Ich sah sie fallen auf deine Hand,
Und bin aufs Knie gesunken;
Ich hab von deiner weißen Hand
Die Tränen fortgetrunken.

Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib,
Die Seele stirbt vor Sehnen; -
Mich hat das unglücksel'ge Weib
Vergiftet mit ihren Tränen.

Heinrich Heine

 

 

 

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

Schicksalslied

Ihr wandelt droben im Licht
auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruh'n:
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahrlang ins Ungewisse hinab.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

Weg

Mit dem Monde will ich wandeln:
Schlangenwege über Berge
Führen Träume, bringen Schritte
Durch den Wald dem Monde zu.

Durch Zypressen staunt er plötzlich,
Daß ich ihm entgegengeh.
Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
Wenn michs friedlich talwärts zieht.

Schlangenwege durch die Wälder
Bringen mich zum Silbersee:
Nur ein Nachen auf dem Wasser,
Heilig oben unser Mond.

Schlangenwege durch die Wälder
Führen mich zu einem Berg.
Oben steht der Mond und wartet,
Und ich steige leicht empor.

Theodor Däubler

 

 

 

Am Flusse

Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
allzu heftig rauschen die Gewässer.

Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
du vom rechten, ich vom linken Strande?
Wollen wir dann in des Stromes Mitte
leichten Ruderschlages uns begrüßen?

Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
bis das Meer in großem Glanz sich auftut
und wir stehn und beide weinen müssen?

Walter Calé

 

 

 

Der Mensch ist ein Rauch, der nicht lange währt,
er ist ein Feuer, das sich bald verzehrt.
Der Mensch ist ein Wasser, das bald abrinnt,
er ist eine Kerze, die bald abnimmt.
Der Mensch ist ein Glas, das bald zerbricht,
er ist ein Traum, er zeiget sich nicht.
Der Mensch ist ein Wachs, das bald erweicht,
er ist eine Rose, die bald verbleicht.
Der Mensch ist ein Fleisch, das bald stinkt;
er ist ein Schiffchen, das bald sinkt.

 

Abraham a Santa Clara

 

 

Ich bin eben so…

Es ist zu einfach,
einen "Straßenköter" zu streicheln,
zuzusehen, wie er in ein Auto läuft
und zu sagen
es war ja nicht mein Hund.

Es ist zu einfach,
eine Rose zu bewundern,
sie zu pflücken
und zu vergessen,
Wasser in die Vase zu geben.

Es ist zu einfach,
einen Menschen zu benützen,
zu lieben ohne Liebe,
ihn stehen zu lassen und zu sagen:
Ich kenne ihn nicht mehr.

Es ist zu einfach,
seine Fehler zu kennen,
sie auszuleben
auf Kosten anderer und
zu sagen:

Ich bin eben so…

Unbekannt

 

 

 

Es ist das selige Bangen,
Es ist das müde Umfangen,
Der Schauer im dämmernden Wald,
Der Winde schmeichelnd Umschlingen,
Wann vom grauen Gezweige das Singen
Der kleinen Stimmen erschallt.

O dies zarte Zirpen und Girren,
Dies junge Gezwitscher und Schwirren,
Klingt hold wie Gräser im Wind,
Als ob über blanken Kieseln
Mit heimlichem Rauschen und Rieseln
Das murmelnde Wasser verrinnt.

Die Seele, die lebt im Zagen
Der leise schlummernden Klagen,
Ist es die unsere? sag!
Die meine ja und die deine,
Die so mit stillem Geweine
Verhaucht im scheidenden Tag.

Paul Verlaine

 

 

 

Nimmersatte Liebe

So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr,
und küssest ewig, ewig gar,
du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund
neu wunderlich Gelüsten;
wir bissen uns die Lippen wund,
da wir uns heute küßten,
das Mädchen hielt in guter Ruh,
wie's Lämmlein unterm Messer;
ihr Auge bat: Nur immer zu,
je weher, desto besser!

So ist die Lieb' und war auch so,
wie lang es Liebe gibt,
und anders war Herr Salomo,
der Weise, nicht verliebt.

Eduard Mörike

 

 

 

Im Sommer

 

O komm mit mir aus dem Gewühl der Menge,
Aus Rauch und Qualm und tobendem Gedränge,
Zum stillen Wald,
Dort wo die Wipfel sanfte Grüße tauschen,
Und aus der Zweige sanft bewegtem Rauschen
Ein Liedchen schallt.

Dort zu dem Quell, der durch die Felsen gleitet
Und dann zum Teich die klaren Wasser breitet,
Führ ich dich hin.
In seinem Spiegel schau die stolzen Bäume
Und weiße Wolken, die wie sanfte Träume
Vorüberziehn.

Dort laß uns lauschen auf der Quelle Tropfen
Und auf der Spechte weit entferntes Klopfen,
Mit uns allein.
Dort wollen wir die laute Welt vergessen,
An unsrem Herzschlag nur die Stunden messen
Und glücklich sein!

Heinrich Seidel

 

 

 

Mir war, als ob uns eine helle Wolke,
die dicht und fest und lauter war, umhüllte,
klar wie ein sonnbestrahlter Diamant.
Und diese ewige Perle nahm in sich
uns auf, so wie das Wasser einen Lichtstrahl
hineinläßt, aber ungeteilt verweilt.
War ich als Körper dort, und ist es hier
nicht denkbar, daß zwei Körper sich vertragen
im selben Raum, und wäre dort doch nötig -
oh, wieviel heißer müßten wir dann wünschen,
die Wesenheit zu schaun, in der sich's zeigt
wie unsere Natur mit Gott sich eint.
Dort schauen wir, was wir im Glauben haben,
das Unbewiesne wird sich offenbaren,
so wie der Urgrund, der uns wirklich gilt.

Dante Alighieri

 

Um Mitternacht
Bedächtig stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand;
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied
Sie achtet's nicht, sie ist es müd';
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike

 

 

 

Ein Heller und ein Batzen,
die waren beide mein, ja, mein.
Der Heller ward zu Wasser,
der Batzen ward zu Wein, ja Wein.

Die Wirtsleut' und die Mädel,
die rufen beid':"O weh, o weh!"
Die Wirtsleut' wenn ich komme,
die Mädel, wenn ich geh', ja geh'.

Mein Strümpf', die sind zerrissen,
mein Stiefel sind entzwei
und draußen auf der Heide,
da singt der Vogel frei.

Und gäb's kein Landstraß' nirgends,
so blieb ich still zuhaus
und gäb's kein Loch im Fasse,
so tränk ich gar nicht draus.

Das war 'ne rechte Freude,
als mich der Herrgott schuf,
'nen Kerl wie Samt und Seide,
nur schade, daß er suff.

Albert Graf Schlippenbach

 

 

Anrede

Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand.
Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit
Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt.
Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit.

Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund
Die großen Bäche alles Lebens geh'n,
Und hinter dessen quellend gold'nem Grund
Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n.

Mein Bestes glüht und lischt – ein irrer Stern,
Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt –
Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern,
Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

Maimond

Maimond schwebt über dem Fluß
Und liegt mir glatt vor dem Fuß.
Das Wasser rückt nicht von der Stelle
Und lugt nur hinauf in die Helle.

Ich schau übers Flußbett hinüber –
Ein Lied schlägt die Brücke herüber.
Es lacht eine Nachtigall
Eine Brücke aus Freude und Schall.

Es regt sich der Nachtwind im Laub –
Es fiel ein Gedanke zum Staub –
Maimond aus vergangenen Jahren
Liegt streichelnd auf alternden Haaren.

Maimond zog mich hin mit Verzücken
Sacht über die singende Brücken,
Und jünger wurde mein Gang,
Solange die Nachtigall sang.

Max Dauthendey

 

 


Mittagszauber

Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle
Auf Tal und Höh' in Stille sich gebreitet;
Man hört nur, wie der Specht im Tannicht scheitet,
Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle.

Und schneller fließt der Bach, als such' er Kühle.
Die Blume schaut ihm durstig nach und spreitet
Die Blätter sehnend aus, und trunken gleitet
Der Schmetterling vom seidnen Blütenpfühle.

Am Ufer sucht der Fährmann sich im Nachen
Aus Weidenlaub ein Sonnendach zu zimmern
Und sieht ins Wasser, was die Wolken machen.

Jetzt ist die Zeit, wo oft im Schilf ein Wimmern
Den Fischer weckt; der Jäger hört ein Lachen,
Und golden sieht der Hirt die Felsen schimmern.

Hermann Ritter von Lingg

 

 

 

März. Schmächtiger. Aus Fronmacht
Erwecktes Zart. O Lächeln
Noch zwischen Macht und Ohnmacht.

Die blassen Säfte steigen
Im Baum der Sonne nach
Zu schlafenden Gezweigen.

Und bleich im Ungewissen
Liegt Feld still neben Brache,
Ruht Land in Düsternissen. –

Der Lerche blauer Dom
Ist noch nicht aufgerichtet.
Doch wilder jagt der Strom.

Die Wasser drängts zu Meeren
Und heimlich hoch im Grau
Zieht es von Vogelheeren.

Nichts blickt zurück. Was stockt
Ist stummes Sich-ermannen
Im strengsten Ruf der lockt.

Und um dich ist es schwer
Und leicht von Schlaf und Schauern
Von Lächeln und Begehr.

Rudolf Georg Binding

 

 

 

Dann

Doch als du dann gegangen,
da hat sich mein Verlangen
ganz aufgethan nach dir ...
Als sollt' ich dich verlieren,
schüttelte ich mit irren
Fingern deine verschlossne Thür.

Und durch die Nacht der Scheiben,
ob du nicht würdest bleiben,
bettelten meine Augen, und –
Du gingst hinauf die Stufen
und hast mich nicht gerufen,
mich nicht zurück an deinen Mund.

Vernahm nur noch mit stieren
Sinnen dein Schlüsselklirren
im schwarzen Flur, und dann –
Traum ... bis die Schatten kamen,
wo wir im Park zusammen
ins bodenlose Wasser sahn.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Um Mitternacht

Nun ruht und schlummert alles,
Die Menschen, der Wald und Wind,
Das Wasser leisen Falles
Nur durch die Blumen rinnt.
Der Mond mit vollem Scheine
Ruht breit auf jedem Dach;
In weitem Wald alleine
Bin ich zur Stund' noch wach.
Und alles, Lust und Schmerzen,
Bracht' ich in mir zur Ruh'.
Nur eins noch wacht im Herzen,
Nur eins: und das bist du!
Und deines Bildes Friede
Folgt mir in Zeit und Raum:
Bei Tage wird er zum Liede,
Und nachts wird er zum Traum.

Julius Rodenberg

 

 

 

Je höher der Kirchturm,
desto schöner das Geläute.
Und je weiter zum Dirndl,
desto größer die Freude.

Je tiefer das Wasser,
desto weißer die Fisch,
je weiter mein Schätzel,
desto lieber mir's ist.

Daß es im Walde dunkel ist,
das macht ja das Holz,
daß mir mein Schätzel untreu ist,
das macht ja sein Stolz.

Zwei schneeweiße Tauben
fliegen über mein Haus;
der Schatz, wo mir bestimmt ist,
der bleibt mir nit aus.

Je dunkler die Nacht,
desto heller die Stern;
je heimlicher die Lieb ist,
desto mehr hab ich sie gern.

Volksweise

 

 

 

Komm du süßer heiliger Schlaf ...

Komm du süßer heiliger Schlaf,
Wunderkind aus besserer Welt,
Drück mir leis die Augen zu,
Die noch Wehmut offenhält.

Komm du silberklarer Mond,
Komm aus dunkler Wolke für:
Wirf den bleichen Leichenschein
Auf die Fieberwange mir.

Dort im Thal, wo's Wasser rauscht,
Hat sie mir ihr Leid vertraut:
Streue Mond dein Totenlicht
Auch aufs Haupt der ärmsten Braut.

Dann wach auf du Geist des Traums,
Laß mich zwei Gebeine sehn,
Die in dunkler Gruft vereint
In ihr einstiges Nichts vergehn.

Ludwig Scharf

 

 

 

 

All unser Schaffen ist ein ew'ges Ringen,
Und nicht das Kleinste können wir gestalten,
Wenn wir zuvor der feindlichen Gewalten,
Die drohend uns umgeben, nicht bezwingen.

Das Wasser droht uns heulend zu verschlingen;
Der Felsen trotzt, durch eigne Kraft gehalten,
Die Flamme zuckt hervor aus dunklen Spalten,
Und sausend schlägt der Sturm die Riesenschwingen.

Und wurden wir der Elemente Meister,
Dann tritt der Mensch dem Menschen stolz entgegen,
Und in dem Kampfe messen sich die Geister.

Und haben wir auch hier den Sieg errungen,
Lohnt uns doch dann erst des Gelingens Segen,
Wenn wir im schwersten Kampf uns selbst bezwungen.

Johannes Sturm

 

 

 

Ein kahler Stein nackt wie ein Knochen
Liegt grinsend auf des Baches Grund,
Die Wasser ziehn ununterbrochen,
Bereden ihn mit schnellem Mund.
Er wird zum Antlitz blaß und düster,
Sieht zu mir auf von Schmerz gespannt,
Der Wellen unnützes Geflüster
Hat einen Namen mir genannt.
Ein tot Gesicht als Stein noch wartet
Auf das was einst mein Mund versprach;
Das Leben hat mit uns gekartet,
Mein Fleisch war stark, der Wille schwach.
Viel Schritte haben sich verloren,
Der Weg ist lang, der Weg ist wild,
Manch Echo klagt in meinen Ohren,
Auf manchem Stein da bleicht ein Bild.

Max Dauthendey

 

 

 

Natur ist glücklich…

Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer faßt in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Stille des Herbstes

Im Herbste kommen der Wiese die Herbstzeitlosen
und mir die Lieder,
die lieben Kinder der Melancholie,
die dämmernden Lampen im Nebel blühn wieder,
sanft dunkelt das tiefe Zuhause gebrochener Lüfte,
die Landschaft am Lethe,
der Sommer verwelkt, und Verträumung
füllt Gärten des Himmels, balsamische Beete.

Wie einer, der heimkehrt, nachdenksam verweilt
sich das Jahr in den Räumen der Stunden,
in diesem Meer, dieser Stille von Schilf
voller Weite, in der sich die Wasser gefunden.
Strömt alles zurück? Kommt die Kindheit noch einmal mit
Abend, mit Ängsten, mit ahnenden Wonnen
von Regen des Nachts? Du bist da, trübes Herz,
an des Herbstes melodischem Bronnen!

Albin Zollinger

 

 

 

Einst sah ich viele Blumen blühen…

Einst sah ich viele Blumen blühen
An meinem Weg; jedoch zu faul,
Mich pflückend nieder zu bemühen,
Ritt ich vorbei auf stolzem Gaul.

Jetzt, wo ich todessiech und elend,
Jetzt, wo geschaufelt schon die Gruft,
Oft im Gedächtnis höhnend, quälend,
Spukt der verschmähten Blumen Duft.

Besonders eine feuergelbe
Viole brennt mir stets im Hirn.
Wie reut es mich, daß ich dieselbe
Nicht einst genoß, die tolle Dirn.

Mein Trost: Lethes Wasser haben
Noch jetzt verloren nicht die Macht,
Das dumme Menschenherz zu laben
Mit des Vergessens süßer Nacht.

Heinrich Heine

 

 

 

 

Melusine

Im Grünen geboren,
Am Bache gefreit,
Wie ist mir das Leben,
Das liebe, so weit!

Heut hab ich geträumt
Von dem Wasser tief,
Wo ich im Dunkel
Nicht schlief, nicht schlief!

Was sich im Weiher
Spiegeln ging,
In meinen wachen
Augen sich fing:

Die traurigen Bäume,
Durch die es blinkt,
Wenn der Ball, der große,
Rot-atmend sinkt,

Die blassen Mädchen,
Die lautlos gehn,
Mit weißen Augen
Ins Dunkel sehn,

Und der Waldfrauen
Flüsternde Schar,
Mit Laub und Kronen
Im offenen Haar ...

Rotgoldne Kronen?
Und Perlschnüre schwer?
Ich hab es vergessen,
Ich finds nimmermehr.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Der letzte Schritt
(Grabrede)

Es ist Zeit,
alle Trennungen zu überschreiten,
alle Begrenzungen zu durchbrechen,
alle Wände niederzureißen.

Der Engel des letzten Erwachsens bläst mit aller Kraft in die Trompete.
Tod und Trauer waren nötig,
um das ewige Leben zu erfahren,
das, was niemals sterben kann.

Du gehst ein in das Übersinnliche.
Sogar die Bergspitzen müssen verlassen werden.
Der Ruf ist mächtig:
Komm und folge mir in das Unbekannte.

Wenn es Feuer regnet,
mußt du wie Wasser sein.
Wenn es Überfluß von Wasser gibt,
sei wie der Wind.
Wenn die große Flut kommt,
werde wie der Himmel.
Und wenn es die letzte Flut aller Zeiten ist, gebe dich selbst auf und folge den Sternen.
Es war eine risikoreiche Angelegenheit auf der Schwelle zum Abgrund.
Jetzt gibt es kein Risiko mehr.
Keine Trennung zwischen oben und unten.
Es wurde schon alles riskiert und verloren.
Es gibt nichts mehr zu verlieren oder zu gewinnen.
Denn indem alles verloren wurde,
wurde alles gewonnen.

Er ist voll von Kraft.
Furchtlos, weise, erhaben.
Er hat alle Dinge hinter sich gelassen.
Er ist am Ende des Weges angelangt.
Alles, was er tun wollte, hat er getan.
Und jetzt ist er eins mit
dem Leuchten der Sonne,
dem Funkeln der Sterne,
dem Wehen der Winde,
dem Brausen des Meeres,
und den Bergen.

Unbekannt

 

 

 

 

Die Blütenfee

Maien auf den Bäumen, Sträußchen in dem Hag.
Nach der Schmiede reitet Janko früh am Tag.
Blütenschneegestöber segnet seine Fahrt,
Lilien trägt des Rößleins Mähne, Schweif und Bart,
Lacht der muntre Knabe: »Sag' mir, Rößlein traut,
Bist bekränzt zur Hochzeit, doch wo bleibt die Braut?«
Horch, ein Pferdchen trippelt hinter ihm geschwind,
auf dem Pferdchen schaukelt ein holdselig Kind.
Solche kleine Fante nimmt man auf den Schoß,
auf die Schulter wirft er's spielend: Ei! wie groß
Zappelnd schreit die Kleine: »Böser Bube du!
Weh! ich hab verloren meinen Lilienschuh.«

Rückwärts sprengt er suchend ein geraumes Stück.
Wie er mit dem Schuhe eilends kam zurück,
an des Kindes Stelle saß die schönste Maid.
Da geschah dem Jungen süßes Herzeleid.
Flüsterte die Schöne: »Liebster Janko mein,
hab' ein kostbar Ringlein, strahlt wie Sonnenschein.
Bin dir hold gewogen, schenk' es dir zum Pfand.
Weh! ich hab's vergessen, badend an dem Strand.«

Wie er mit dem Ringlein wiederkehrte: schau,
Hing gebückt im Sattel eine welke Frau.
Ihre Zunge stöhnte: »Janko! du mein Sohn,
weh! ein Tröpfchen Wasser! Schnell! um Gotteslohn.«

Wie er mit dem Wasser kam zum selben Ort,
war zu Staub und Asche Weib und Pferd verdorrt.

Carl Spitteler

 

 

 

Erlebnis

Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden
Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da,
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich,
Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber
Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer –
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Dein Antlitz

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon
In frühern Nächten völlig hingegeben
Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
Wo auf den leeren Hängen auseinander
Die magern Bäume standen und dazwischen
Die niedern kleinen Nebelwolken gingen,
Und durch die Stille hin die immer frischen
Und immer fremden silberweißen Wasser
Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf!
Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war,
Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Empfehlung

Du bist nervös. Drum lies doch mal
Das Buch, das man dir anempfahl.
Es ist beinah wie eine Reise
Im alten wohlbekannten Gleise.
Der Weg ist grad und flach das Land,
Rechts, links und unten nichts wie Sand.
Kein Räderlärm verbittert dich,
Kein harter Stoß erschüttert dich,
Und bald umfängt dich sanft und kühl
Ein Kaumvorhandenseinsgefühl.
Du bist behaglich eingenickt.
Dann, wenn du angenehm erquickt,
Kehrst du beim »stillen Wirte« ein.
Da gibt es weder Bier noch Wein.
Du schlürfst ein wenig Apfelmost,
Ißt eine leichte Löffelkost
Mit wenig Fett und vieler Grütze,
Gehst früh zu Bett in spitzer Mütze
Und trinkst zuletzt ein Gläschen Wasser.
Schlaf wohl und segne den Verfasser!

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Ein Stück Bierflasche

Eine Bierflasche ging in Scherben
Am Stein am See.
Dem Manne, der sie warf,
Brachte dieser Wurf Verderben,
Besser gesagt: Ein Fuß-Wehweh.
Glasscherben sind spitz und scharf.

Eine Scherbe, nicht die just gemeinte,
Reiste unfreiwillig strömungsfort.
Diese ward vom Meeresgrundesand
So gequält, daß alles Wasser weinte.

Nach Jahrenden trieb sie an den Strand,
Fernen Strand; war völlig abgeschliffen.

Hat ein Badestrolch sie aufgegriffen,
Merkte gleich, daß sie kein Bernstein, gar
Rauchtopas oder noch edler war,
Und ließ doch das funkelschöne Ding
Kunstvoll fassen in einen Ring.

Und vererbt, gestohlen, hingegeben
Mag die Scherbe durch Jahrhunderte
Als verkannte, aber doch bewunderte
Abenteuerin noch viel erleben.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Neu anfangen zu können ...
ein einziges Mal wenigstens ...
nicht aufzuräumen haben ... weglegen und lassen dürfen, was nicht fertig wurde ...
einen Abschnitt machen können ... bis auf den Grund ... ein Meer zwischen gestern und heute bringen ...
ein einziges Mal wenigstens ... ein Neuer sein dürfen ...
das ist's ... was einen hinübertreibt über die Wasser!
dieser große stille Morgenwunsch jedes neuen Tages, jedes neuen Jahres ... mit seinem schönen Mutigwerden!

Mit dünnen spinnigen Armen aber greift es herüber
schattenhaft, schadenfroh
und kettet jedes Heute mit hundert kleinen Zetteleien an Gestern und saugt sich herzblutgierig an ihm fest und lähmt ihm gleich das Beste wieder, das es hat: den frohen Mut, neu anzufangen ...
ein einziges Mal neu anzufangen!

Cäsar Otto Hugo Flaischlen

 

 

 

 

Verzage nicht, wenn auf der Welt
Nicht eine Seele dich versteht,
Wenn du alleine wandern mußt,
Wo eines mit dem andern geht!

Ist doch für jedes Hälmchen Grün
Ein Perlentropfen, der's betaut,
Für jedes wilde Waldgezweig'
Ein Vogel, der sein Nestlein baut;

Für jeden Fels ein Wölkchen weiß,
das seine graue Stirne küßt,
Für jeden Strom ein tiefes Meer,
In das er seine Wasser gießt.

O hoffe nur, ein Wesen kreuzt
Doch einmal liebend deinen Pfad;
Es naht gewiß und wenn's dir erst
In deiner letzten Stunde naht;

Und wenn's dein brechend Auge schließt,
Und wenn's den letzten Kranz dir flicht,
Und wenn's an deinem Grabe weint –
Es naht gewiß, verzage nicht!

Joseph Mayr-Tüchler

 

 

Vorfrühling

Wir standen heute still am Zaun von einem fremden Garten,
Sah'n hin und sah'n das Wintergras am Teich auf Sonne warten.
Im Wasser lag verjährtes Laub gleichwie auf Glas,
Am Ufer saß ein Büschel Veilchen jung erblüht im gelben Gras,
Und frisches Lilienkraut wuchs grün bei Tuffsteinblöcken,
Am Himmel oben gingen Wolken jugendlich in weißen Röcken.
Wie wenig Welt tut schon den Augen gut!
Nur ein paar Atemzüge lang hat's Herz dort ausgeruht,
Nur ein paar Augenblicke tat es säumen ...
Wir sind doch alle in den weiten Lebensräumen
Zaungäste nur bei Wünschen und bei Träumen.

Max Dauthendey

 

 

 

Resurrectio

Flut, die in Nebeln steigt.
Flut, die versinkt.
O Glück: das große Wasser,
das mein Leben überschwemmte, sinkt, ertrinkt.
Schon wollen Hügel vor. Schon bricht gesänftigt
aus geklärten Strudeln Fels und Land.
Bald wehen Birkenwimpel
über windgesträhltem Strand.
O langes Dunkel.
Stumme Fahrten zwischen Wolke, Nacht und Meer.
Nun wird die Erde neu.
Nun gibt der Himmel aller Formen zarten Umriß her.
Herzlicht von Sonne,
das sich noch auf gelben Wellen bäumt –
Bald kommt die Stunde,
wo dein Gold in grünen Frühlingsmulden schäumt –
Schon tanzt im Feuerbogen,
den der Morgen übern Himmel schlägt,
Die Taube,
die im Mund das Ölblatt der Verheißung trägt.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

Sternschnuppenfall, Sternschnuppenfall!
Heut will ich nicht schlafen und immer nur wünschen,
Und alles wird in Erfüllung gehn:

Ein Kleid aus Seide, aus schneeweißer Seide,
Mit uralten Spitzen aus Brabant,
Und jeder Knopf ein Diamant;

Ein Diadem aus lauter Türkisen,
Dazwischen Brillanten, wie Wasser klar,
Das paßt am besten ins schwarze Haar;

Sternschnuppe, ein Halsband aus großen Perlen;
Und du, Sternschnuppe, ich bitte dich,
Such Perlen ohne Thränen für mich;

Dann wünsch' ich ein Paar ganz kleiner Pantoffel,
Kleiner, viel kleiner als mein Fuß,
Aber das mir doch passen muß!

Zu alledem wünsch' ich mir einen Liebsten…
O weh, die Mutter! Sie jagt mich ins Bett!
Ach, wenn ich nur erst einen Liebsten hätt!

Hugo Salus

 

 


Lieb und Leid im leichten Leben
Sich erheben, abwärts schweben,
Alles will das Herz umfangen,
Nur Verlangen, nie erlangen.

In dem Spiegel all ihr Bilder
Blicket milder, blicket wilder
Jugend kann doch nichts versäumen
Fort zu träumen, fort zu schäumen.

Frühling soll mit süßen Blicken
Sie entzücken und berücken,
Sommer mich mit Frucht und Myrthen,
Reich bewirten, froh umgürten.

Herbst du sollst mich Haushalt lehren,
Zu entbehren, zu begehren,
Und du Winter lehr mich sterben
Mich verderben, Frühling erben.

Wasser fallen um zu springen,
Um zu klingen, um zu singen,
Schweig ich stille, wie und wo?
Trüb und froh, nur so, so!

Clemens von Brentano

 

 

 

Pflicht zu verliebten Gesprächen

In den lauten Nachtigallen
Lockt und schlägt und jauchzt die Liebe;
In der Lerche unterm Himmel
Lobt und tiriliert die Liebe;
In dem Enter auf dem Wasser
Schwimmt und schnattert nichts als Liebe;
In den Schwalben unterm Dache
Zwitschert, baut und spricht die Liebe;
In den Spatzen vor dem Fenster
Lauscht und ruft und hüpft die Liebe;
In dem Täuber, in der Taube
Girrt und lockt und lacht die Liebe;
In den Tönen meiner Laute
Klingt und lobt und scherzt die Liebe;
In dem Kind auf meinem Schoße
Hüpft und scherzt und singt die Liebe:
Alles Wild in freiem Felde,
Alle Vögel unterm Himmel,
Haben Stimmen zu der Liebe;
Alles scherzt und spricht vom Lieben;
Soll ich denn davon nicht sprechen?

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

 

 

 

Die Ente

Ente, wahres Bild von mir,
Wahres Bild von meinen Brüdern!
Ente, jetzo schenk' ich dir
Auch ein Lied von meinen Liedern.

Oft und oft muß dich der Neid
Zechend auf dem Teiche sehen.
Oft sieht er aus Trunkenheit
Taumelnd dich in Pfützen gehen.

Auch ein Tier – – o, das ist viel!
Hält den Satz für wahr und süße,
Daß, wer glücklich leben will,
Fein das Trinken lieben müsse.

Ente, ist's nicht die Natur,
Die dich stets zum Teiche treibet?
Ja, sie ists; drum folg ihr nur.
Trinke, bis nichts übrig bleibet.

Ja, du trinkst und singst dazu.
Neider nennen es zwar schnadern;
Aber, Ente, ich und du
Wollen nicht um Worte hadern.

Wem mein Singen nicht gefällt,
Mag es immer Schnadern nennen.
Will uns nur die neidsche Welt
Als versuchte Trinker kennen.

Aber, wie bedaur' ich dich,
Daß du nur mußt Wasser trinken.
Und wie glücklich schätz ich mich,
Wenn mir Weine dafür blinken.

Armes Tier, ergib dich drein.
Laß dich nicht den Neid verführen.
Denn des Weins Gebrauch allein
Unterscheidet uns von Tieren.

In der Welt muß Ordnung sein.
Menschen sind von edlern Gaben.
Du trinkst Wasser, und ich Wein:
So will es die Ordnung haben.

Gotthold Ephraim Lessing

 

 

 

Zwei Liebchen

Ein Schifflein auf der Donau schwamm,
Drin saßen Braut und Bräutigam,
Er hüben und sie drüben.

Sie sprach: "Herzliebster, sage mir,
Zum Angebind, was geb ich dir?"

Sie streift zurück ihr Ärmelein,
Sie greift ins Wasser frisch hinein.

Der Knabe, der tät gleich also,
Und scherzt mit ihr und lacht so froh.

"Ach, schöne Frau Done, geb sie mir
Für meinen Schatz eine hübsche Zier!"

Sie zog heraus ein schönes Schwert,
Der Knab hätt lang so eins begehrt.

Der Knab, was hält er in der Hand?
Milchweiß ein köstlich Perlenband.

Er legt's ihr um ihr schwarzes Haar,
Sie sah wie eine Fürstin gar.

"Ach, schöne Frau Done, geb' sie mir
Für meinen Schatz eine hübsche Zier!"

Sie langt hinein zum andernmal,
Faßt einen Helm von lichtem Stahl.

Der Knab vor Freud entsetzt sich schier,
Fischt ihr einen goldnen Kamm dafür.

Zum dritten sie ins Wasser griff:
Ach weh! da fällt sie aus dem Schiff.

Er springt ihr nach, er faßt sie keck,
Frau Done reißt sie beide weg:

Frau Done hat ihr Schmuck gereut,
Das büßt der Jüngling und die Maid.

Das Schifflein leer hinunterwallt;
Die Sonne sinkt hinter die Berge bald.

Und als der Mond am Himmel stand,
Die Liebchen schwimmen tot ans Land,
Er hüben und sie drüben.

Eduard Mörike

 

 

 

Im Leben gilt der Stärke Recht,
Dem Schwachen trotzt der Kühne,
Wer nicht gebieten kann, ist Knecht,
Sonst geht es ganz erträglich schlecht
Auf dieser Erdenbühne.
Doch wie es wäre, fing der Plan
Der Welt nur erst von vornen an,
Ist in Moralsystemen
Ausführlich zu vernehmen.

»Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem großen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.
Drum flieht der wilden Wölfe Stand
Und knüpft des Staates daurend Band.«
So lehren vom Katheder
Herr Pufendorf und Feder.

Doch weil, was ein Professor spricht,
Nicht gleich zu allen dringet,
So übt Natur die Mutterpflicht
Und sorgt, daß nie die Kette bricht
Und daß der Reif nie springet.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

 

Ein Traum

O Traum, der mich entzücket!
Was hab' ich nicht erblicket!
Ich warf die müden Glieder
In einem Tale nieder,
Wo einen Teich, der silbern floß,
Ein schattiges Gebüsch umschloß.

Da sah ich durch die Sträuche
Mein Mädchen bei dem Teiche.
Das hatte sich zum Baden
Der Kleider meist entladen,
Bis auf ein untreu weiß Gewand,
Das keinem Lüftchen widerstand.

Der freie Busen lachte,
Den Jugend reizend machte.
Mein Blick blieb lüstern stehen
Bei diesen regen Höhen,
Wo Zephyr unter Lilien blies,
Und sich die Wollust fühlen ließ.

Sie fing nun an, o Freuden!
Sich vollends auszukleiden:
Doch ach, indem's geschiehet,
Erwach' ich und sie fliehet. -
O schlief ich doch von neuem ein!
Nun wird sie wohl im Wasser sein!

Johann Peter Uz

 

 

 

An eben selbige

Sie, dennoch sie, mein licht! sie wil beständig seyn.
Ob die zeit sich gleich verändert und die sonne sich versteckt
Und die wüsten felder trauren und das feld mit schnee bedeckt,
Sie dennoch (wie sie schreibt) geht kein verändern ein.
Die bäume sind entblößt, das wasser hart als stein,
Der palläste göldne spitzen sind mit grauem reiffleckt,
Aller blumen welcke blätter, die durchbeiste kält erschreckt.
Nur ihre rose steht in frischem glantz allein;
Warum doch wil ich hier verziehen,
Wo nichts denn unlust ist und kalte winter-lufft,
Weil sie mir noch, mein licht! zu ihren rosen rufft?
Ade! ich muss von hinnen fliehen.
Wer länger schmachten wil in scharffer frostes-pein,
Wenn ihm der frühling rufft, muss es nicht würdig seyn.

Andreas Gryphius

 

 

 

Als ich noch ein Seepferdchen war,
im vorigen Leben,
wie war das wonnig, wunderbar
unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
wogte, wie Güte, das Haar
der zierlichsten aller Seestuten,
die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
auf daß ich ihr folge, sie hasche,
und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellte sich froh,
schnappte nach einem Wasserfloh,
und ringelte sich
an einem Stengelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
du trägst ein farbloses Panzerkleid
und hast ein bekümmertes altes Gesicht,
als wüßtest du um kommendes Leid.
Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!
Wann war wohl das?

Joachim Ringelnatz

 

 

Abschied

Geh' ich einsam durch die schwarzen Gassen,
Schweigt die Stadt, als wär sie unbewohnt,
Aus der Ferne rauschen nur die Wasser,
Und am Himmel zieht der bleiche Mond.

Bleib ich lang vor jenem Hause stehen,
Drin das liebe, liebe Liebchen wohnt,
Weiß nicht, daß sein Treuer ferne ziehet,
Stumm und harmvoll, wie der bleiche Mond.

Breit ich lange sehnend meine Arme
Nach dem lieben, lieben Liebchen aus,
Und nun sprech ich: Lebet wohl, ihr Gassen!
Lebe wohl, du stilles, stilles Haus!

Und du Kämmerlein im Haus dort oben,
Nach dem oft das warme Herze schwoll,
Und du Fensterlein, draus Liebchen schaute,
Und du Türe, draus sie ging, leb wohl!

Geh ich bang nun nach den alten Mauern,
Schauend rückwärts oft mit nassem Blick,
Schließt der Wächter hinter mir die Tore,
Weiß nicht, daß mein Herze noch zurück.

Justinus Kerner

 

 

 

Unermeßbar

Wer hat den Sand gezählt,
welcher im Wasser haust?
Wem hat kein Blatt gefehlt,
Wenn der November braust?
Wer weiß im Januar,
Wie viel der Flocken weh'n?
Wie viele auf ein Haar
Tropfen aufs Weltmeer geh'n?

Wer mißt den Ozean,
Wo er am tiefsten fließt?
Wer mag die Strahlen seh'n
Welche die Sonne schießt?
Wer holt das Lichtgespann
Fliegender Blitze ein?
Nenne den Wundermann?
Keiner mag größer sein.

Gott ist die Ohnezahl,
Vor dem die Zahl vergeht,
Der durch den Sternensaal
Sonnen wie Flocken weht,
Gott ist überall,
Gott ist der Ohnegrund,
Schneller als Licht und Schall,
Tiefer als Meeresgrund.

Sandkörner zählest du,
Nimmer die Freundlichkeit,
Weltmeere missest du,
Wie die Barmherzigkeit;
Sonnenstrahlen holst du ein,
Nimmer die Liebe doch,
Womit dein Gnadenschein
Sündern entgegenflog.

Ernst Moritz Arndt

 

 

Die Forelle

In einem Bächlein helle,
da schoß in froher Eil'
die launige Forelle
vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade,
und sah in süßer Ruh'
des muntern Fisches Bade
im klaren Bächlein zu.

Ein Fischer mit der Rute
wohl an dem Ufer stand
und sah's mit kaltem Blute,
wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
so dacht ich, nicht gebricht,
so fängt er die Forelle
mit seiner Angel nicht.
Doch plötzlich ward dem Diebe
die Zeit zu lang. Er macht
das Bächlein tückisch trübe,
und eh' ich es gedacht,
so zuckte seine Rute,
das Fischlein zappelt dran,
und ich mit regem Blute
sah die Betrogne an.

Die ihr am goldnen Quelle
der sichern Jugend weilt,
denkt doch an die Forelle;
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
der Klugheit, Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät.

Christian Friedrich Daniel Schubart

 

 

 

Viel Essen macht viel breiter
Und hilft zum Himmel nicht;
Es kracht die Himmelsleiter,
Kommt so ein schwerer Wicht.
Das Trinken ist gescheiter,
Das schmeckt schon nach Idee,
Da braucht man keine Leiter,
Das geht gleich in die Höh'.

Viel Reden ist manierlich:
"Wohlauf?" - Ein wenig flau. -
"Das Wetter ist spazierlich."
Was macht die liebe Frau? -
"Ich danke" - und so weiter,
Und breiter als ein See.
Das Singen ist gescheiter,
Das geht gleich in die Höh.

Die Fisch und Musikanten
Die trinken beide frisch,
Die Wein, die andern Wasser –
Drum hat der dumme Fisch
Statt Flügel Flederwische
Und liegt elend im See –
Doch wir sind keine Fische,
Das geht gleich in die Höh.

Ja, Trinken frisch und Singen
Das bricht durch alles Weh,
Das sind zwei gute Schwingen,
Gemeine Welt, ade!
Du Erd' mit deinem Plunder,
Ihr Fische samt der See,
's geht alles, alles unter,
Wir aber in die Höh!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

 

Krötensage

Des Berges alte Wangen sind
Von Maiensonne beschienen;
Sie lächeln unter Quellenglanz,
Die Schilfe, die Farren ergrünen.

Die Kröte springt aus dem Kieselstein,
Ein Hirt hat ihn zerschlagen;
Sie schaut verdrossen die Scherben an,
Und sie beginnt zu sagen:

»Viel tausend Jahre bin ich alt
Samt diesem Futterale!
Es schob vom hohen Felsgebirg
Allmählich mit mir zu Tale.

Doch manchmal in der Wasser Sturz
Sind wir gewaltig gesprungen;
Dann hat's um meine dunkle Klausur
Gesungen und geklungen.

Und wie mir ist – ich weiß es nicht,
Noch was ich getrieben indessen;
Ich hab im mindesten nichts gelernt
Und hatte nicht viel zu vergessen.

Ein warmer Regen, ein grünes Kraut
Nur konnten mir behagen;
Sie liegen mir fort und fort im Sinn
Aus fernen Jugendtagen.

So hab ich ein langweilig Stück
Unsterblichkeit erworben;
Hätt ich getrunken lebendige Luft,
Längst wär ich vernünftig gestorben.«

Gottfried Keller

 

 


Ich bin ein Pilger ...

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt;
vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
der in dem Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
das küßt und fortschwemmt – weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen nennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

Erich Mühsam

 

 

 

 

Und als an das blaue Meer ich trat,
Da standen drei Männer drinnen,
Die spielten während des Bades Skat,
Und einer schien zu gewinnen.
Der Skat dabei auf dem Wasser schwamm.
Mich aber dünkte das wundersam.

Und als ich kam auf des Faulhorns Höh',
Wohl über Klippen und Grate,
Da fand ich drei Männer im ewigen Schnee,
Sie saßen schon lange beim Skate.
Der eine gab schon zum hundertsten Mal –
Da floh ich schaudernd hinab ins Thal.

Es sitzen da im geheimen Rath
Drei strenge Richter der Todten.
Sie sollen's sein, doch sie spielten Skat,
Obgleich es Pluto verboten.
O sagt, wohin kann ein Mensch noch gehn,
Um nicht drei Männer beim Skat zu sehn?

Johannes Trojan

 

 

 

Vergänglichkeit

Nun spinnen sich die Tage ein,
Nicht einer will mehr freundlich sein,
Sie müssen sich alle besinnen
Auf eine Hand voll Sonnenschein
Und gehen dürftig von hinnen,
Wie Wasser im Sande verrinnen.

Die Menschen wandern hinterdrein,
Still einzeln, oder still zu zwein,
Und sehen die Blätter verfliegen
In alle vier Wände hinein.
Sie möchten im Sonnenschein liegen
Und müssen sich fröstelnd schmiegen.

So war es tausend Jahr und mehr,
Mit Blindheit kommt der Herbst daher.
Gern will ihn keiner sehen,
Er macht ja alle Wege leer.
Er muß zur Seite gehen
Und muß um Mitleid flehen.

Und so geht's tausend Jahre fort.
Vergänglichkeit, Du müdes Wort,
Du lösest ab die Tage,
Du duldest weder Zeit noch Ort,
Machst Wirklichkeit zur Sage,
Den Liebesrausch zur Klage.

Max Dauthendey

 


Traum

Ich flog nach Haus,
wo der Anfang ist.
Mit Brüten und mit Fingerkauen begann es.
Dann roch ich was oder schmeckte was.
Die Witterung löste mich.
Ganz gelöst war ich mit einem Mal
und ging über,
wie der Zucker ins Wasser.

Mein Herz war auch im Spiel,
viel zu groß war es schon lang,
nun quoll es übergroß.
Aber keine Spur von Beklemmung.
An Orte ward es getragen,
wo man die Wollust
nicht mehr sucht.

Käme jetzt eine Abordnung zu mir
und neigte sich feierlich vor dem Künstler,
dankbar auf seine Werke weisend,
mich wunderte das nur wenig.
Denn ich war ja dort,
wo der Anfang ist.
Bei meiner angebeteten
Madame Urzelle war ich,
das heißt so viel wie fruchtbar sein.

Paul Klee

 

Der Selbstmörder

Niemand weiß, dass ich gestorben bin.
Alle sehen freundlich zu mir hin.
Manche meinen mit verglastem Lächeln
Trost und Heiterkeit mir zuzufächeln.

Manche fragen, wie es mir erginge?
Ob wie sonst ich singe oder springe?
Oder ob mein Flötenmund verstummt sei?
Und warum so dunkel ich vermummt sei?

Ärzte diagnostizieren edel.
Jemand klopft erstaunt an meinen Schädel.
Und das klingt, als ob an einer Türe
Einlass heischend wer die Finger rühre.

Lassen Sie mich, bitte, meine Damen,
Die zuweilen zart zur Liebe kamen.
Keine Freundin schläft mir künftig bei
Als die Wasser- oder Wiesenfei.

Ihre Haare sind aus Tang und Moose,
Und ihr Schoss ist eine Wasserrose.
Ihre Hände sind so feucht wie Frösche,
Und mich deucht, dass ich schon sanft verlösche.

Klabund

 

Recept wider böse Weiber

Ein armer Ehegatte,
Der ohne seine Schuld
Die Höll' auf Erden hatte,
Ward endlich der Geduld
Nach langen Jahren müde,
Und schaffte schnell und klug
Sich vor dem Engel Friede,
Der ihn mit Fäusten schlug.

Sein Weib war bitterböse,
Die Tobsucht rief aus ihr,
Bey manchem Zankgetöse:
Ein Leides thu ich mir!
Ja ja, du Weiberhasser,
Du Teufel, der du bist,
Ich springe noch ins Wasser,
Wo es am tiefsten ist.

Sie sprachs zu tausendmalen,
Und sprang ins Wasser nie.
Auf neue Männerqualen
Dacht ihre Seele früh,
Sobald der Tag erwachte.
Ihr Dämon, schwarz und klein,
Blies ihr im Traum bey Nachte
Den Stoff zum Zanken ein.

Einst fieng beym Abendtische
Ihr Zorn zu donnern an,
Und still, wie stumme Fische,
Blieb ihr geplagter Mann;
Ließ ihrer frechen Zunge
Den Zügel – gab ihr nach,
Bis sie vom Wassersprunge
Mit blauen Lefzen sprach.

Da warf der Mann sein Messer
Tief in den Tisch, und riß
Das Weib an ein Gewässer.
Hier, sprach er: Thue dieß
Was du zu thun beschlossen.
Hier springe mir hinab. –
Hier sah sie, furchtbegossen,
Ins grause Wassergrab.

Sie hieng an seinen Armen
Und fühlte Todesquaal;
Er aber, ohn Erbarmen,
Er tauchte siebenmal
Sie unter mit dem Kopfe,
Bis sie die Luft verlor:
Und hub sie drauf beym Zopfe
Stark aus der Fluth empor.

Das Mittel half geschwinde;
Sie seufzte leichenblaß:
Ach! Männchen, sey gelinde,
Ach! liebes Männchen, laß
Mich diesesmal nur leben,
Und ende meine Pein,
Ich will mich gern bestreben,
Recht lämmerfromm zu seyn.

Der Mann ließ sich bedingen,
Das Weib ward zahm gemacht,
Und an kein Wasserspringen
Ward künftig mehr gedacht.
Sie lebten, sanft wie Tauben,
Von keinem Zank gequält,
Und alle Welt wirds glauben
Weil es ein Weib erzählt.

Anna Louisa Karsch

 


Trostaria

Endlich bleibt nicht ewig aus,
Endlich wird der Trost erscheinen,
Endlich grünt der Hoffnungsstrauß,
Endlich hört man auf zu weinen.
Endlich bricht der Tränen Krug,
Endlich spricht der Tod: Genug!

Endlich wird aus Wasser Wein,
Endlich kommt die rechte Stunde,
Endlich fällt der Kerker ein,
Endlich heilt die tiefe Wunde.
Endlich macht die Sklaverei
Den gefangnen Joseph frei.

Endlich, endlich kann der Neid,
Endlich auch Herodes sterben,
Endlich Davids Hirtenkleid
Seinen Saum in Purpur färben,
Endlich macht die Zeit den Saul
Zur Verfolgung schwach und faul.

Endlich nimmt der Lebenslauf
Unsres Elends auch ein Ende,
Endlich steht der Heiland auf,
Der das Joch der Knechtschaft wende,
Endlich machen vierzig Jahr
Die Verheißung zeitig wahr.

Endlich blüht die Aloe,
Endlich trägt der Palmbaum Früchte,
Endlich schwindet Furcht und Weh,
Endlich wird der Schmerz zunichte,
Endlich sieht man Gottes Tal:
Endlich endlich kommt einmal.

Johann Christian Günther

 

Der Tag der Freude

Ergebet euch mit freiem Herzen
Der jugendlichen Fröhlichkeit:
Verschiebet nicht das süße Scherzen,
Ihr Freunde, bis ihr älter seid.
Euch lockt die Regung holder Triebe;
Dies soll ein Tag der Wollust sein:
Auf! ladet hier den Gott der Liebe,
Auf! ladet hier die Freuden ein.

Umkränzt mit Rosen eure Scheitel
(Noch stehen euch die Rosen gut)
Und nennet kein Vergnügen eitel,
Dem Wein und Liebe Vorschub tut.
Was kann das Totenreich gestatten?
Nein! lebend muß man fröhlich sein.
Dort herzen wir nur kalte Schatten:
Dort trinkt man Wasser, und nicht Wein.

Seht! Phyllis kommt: O neues Glücke!
Auf! Liebe, zeige deine Kunst,
Bereich're hier die schönsten Blicke
Mit Sehnsucht und mit Gegengunst.
O Phyllis! glaube meiner Lehre:
Kein Herz muß unempfindlich sein.
Die Sprödigkeit bringt etwas Ehre;
Doch kann die Liebe mehr erfreun…

Friedrich von Hagedorn

 

An meine Mutter

Ach, wär ich ein Vöglein,
ich wüßt, was ich tät:
Ich lernte mir Lieder
von morgens bis spät.
Dann setzt ich mich dort,
wo lieb Mütterlein wär,
und säng ihr die Lieder
der Reihe nach her.

Und wär ich ein Schäflein,
das hätt' ich im Sinn:
Ich gäb alle Wolle
dem Mütterlein hin.
Die spinnt dann die Wolle
und strickt sicherlich
zwei Dutzend Paar Strümpfe
für sich und für mich.

Und wär ich ein Fischlein,
ich wüßt, was da wär:
Ich tauchte zum Grunde
tief unten ins Meer,
holt Perlen und Muscheln.
Ihr glaubt, nur für mich?
Der Mutter die Perlen,
die Muscheln für mich.

Doch mancherlei möchte ich
denn doch wohl nicht sein:
Nicht Apfel, noch Kirschen,
nicht Wasser, noch Wein.
Denn äße man mich
oder tränke mich aus,
dann hätt meine Mutter
kein Kind mehr im Haus.

Robert Reinick

 

 

 

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüstge Gesellen
zum erstenmal von Haus,
so jubelnd recht in die hellen,
klingenden, singenden Wellen
des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
die wollten, trotz Lust und Schmerz,
was Rechts in der Welt vollbringen,
und wem sie vorüber gingen,
dem lachten Sinnen und Herz.

Der erste, der fand ein Liebchen,
die Schwieger kauft' Hof und Haus;
der wiegte gar bald ein Bübchen,
und sah aus heimlichem Stübchen ;
behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
die tausend Stimmen im Grund,
verlockend' Sirenen, und zogen
ihn in der buhlenden Wogen
farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht' vom Schlunde,
da war er müde und alt,
sein Schifflein das lag im Grunde,
so still wars rings in die Runde,
und über die Wasser wehts kalt.

Es singen und klingen die Wellen
des Frühlings wohl über mir;
und seh ich so kecke Gesellen,
die Tränen im Auge mir schwellen
ach Gott, führ uns liebreich zu Dir!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

Höllisches Recht

Es ging ein Hirt gar früh austreiben,
Er hört ein kleines Kindlein schreien.
»Kindelein, ich hör dich und seh dich nicht.«
»Ich bin in einem hohlen Baum
Und mit eichenen Rüthlein gedeckt.
Ach Alter, nimm mich mit nach Haus,
Mein Mutter hat Hochzeit zu Haus.«
Als er das Kind zur Thür nein bracht:
»Grüß euch Gott, ihr Hochzeitgäst,
Dieweil die Braut mein Mutter ist.«
»Wie soll ich denn dein Mutter sein,
Ich trage ja ein Kränzelein?«
»Tragst du ein Kränzelein rosenroth,
Du hast schon drei Kinder todt.
's erst hast ins Wasser geschmissen,
's ander hast in Mist vergraben,
's dritt in einen hohlen Baum,
Und mit eichenen Rüthlein zugedeckt.«
»Ach wie kann das möglich sein!«
Kam der Teufel zum Fenster hinein,
Und nahm sie bei ihrer schneeweißen Hand,
Thut mit ihr den Ehrentanz
Und führt sie in die höllische Pein.

Altes deutsches Lied

 

 

 

Bin gerad’ nicht blöd, bin gerad’ nicht hell
Ich bin ein lustiger Gesell
Und trinke Wasser, trinke Wein
Und lasse fünfe gerade sein.
Erst stopf ich mir mein Pfeifchen
Dann pfeif ich mir ein Lied
Vormittag’s hab’ ich Hunger
Nachmittags Appetit.

Ich wandre durch die weite Welt
Die mir ausnehmend gut gefällt
Und schlaf im Bette, schlaf im Stroh
Denn sterben tut sich’s so wie so.
Erst stopf ich mir mein Pfeifchen
Dann pfeif ich mir ein Lied
Und hab’ ich gerade nicht Hunger
Dann hab ich Appetit

Kommt geradewegs ein Dirndl her
Trägt einen Korb mit Äpfeln schwer
Ihr Fuß ist nackt, ihr Kleid ist rauh
Doch ist ihr Auge treu und blau
Erst stopf ich mir mein Pfeifchen
Dann pfeif ich mir ein Lied
Auf die Äpfel hab ich Hunger
Auf das Dirndl Appetit

Alfred Lichtenstein

 

 

 

Kornrauschen

Bist du wohl im Kornfeld schon gegangen,
wenn die vollen Ähren überhangen,
durch die schmale Gasse dann inmitten
schlanker Flüsterhalme hingeschritten?
Zwang dich nicht das heimelige Rauschen,
stehn zu bleiben und darein zu lauschen?
Hörtest du nicht aus den Ähren allen
wie aus weiten Fernen Stimmen hallen?
Klang es drinnen nicht wie Sichelklang?
Sang es drinnen nicht wie Schnittersang?
Hörtest nicht den Wind du aus den Höhn
lustig sausend da sie Flügel drehn?
Hörtest nicht die Wasser aus den kühlen
Tälern singen du von Rädermühlen?
Leis, ganz leis nur hallt das und verschwebt,
wie im Korn sich Traum mit Traum verwebt,
in ein Summen wie von Orgelklingen,
drein ihr Danklied die Gemeinden singen.
Rückt die Sonne dann der Erde zu,
wird im Korne immer tiefre Ruh',
und der liebe Wind hat's eingewiegt,
wenn die Mondnacht schimmernd drüber liegt.
Wie von warmem Brot ein lauer Duft
zieht mit würz'gen Wellen durch die Luft.

Ferdinand Ernst Albert Avenarius

 

 

Beantwortete Frage

Die Schöne:
Leicht gesagt ist: seid nicht grausam!
Doch wenn sechs um eine frein,
Muß da nicht das arme Seelchen
Gegen fünfe grausam sein?

Der Dichter:
Grausam gegen fünfe werden,
Ist so gar gefährlich nicht,
Weil von Hunderten nicht einer
Sich vor Liebesgram ersticht.

Und erschießt sich etwa einer,
Ist es nicht der Beste just;
Größten Schmerz ertragen lernen,
Ziemt der edlen Männerbrust.

Mancher stürzte sich ins Wasser,
Weil die Schöne ihn verlacht,
Der, wenn sies mit ihm gewaget,
Sie mit Peinigen umgebracht.

Mancher, der vor Sehnsucht schmachtet,
Gleich als wär es mit ihm aus,
Brächte, würd er ganz erhöret,
Nichts wie Langeweil ins Haus.

Darum, sorgenvolle Schöne,
Sieh dir deine Freier an,
Und wer mit dir weiß zu leben,
Diesen wähl, er sei dein Mann.

Quäl ihn etwas, doch nicht lange,
Und dann sprich das holde Ja;
Und die Sterber lasse sterben,
Denn sie sind zum Sterben da!

August Kopisch

 

 

Der Normann

Siehst du die Krone auf den Sparren?
Bald wird mein Häuslein fertig sein,
Und ehe Wald und Bach erstarren,
Zieh' ich in meine Wohnung ein.
Da unter ihr die Meereswogen,
Von aller Völker Schiffen bunt,
Und dorther kommt der Strom gezogen
Zur Westsee aus dem Öresund.
So liegt, wenn ich in Frieden raste,
Vor meinem Auge noch das Feld,
Das mir, dem unruhevollen Gaste,
Die vor'ge Zeit entgegenhält.
Denn ich bin lang zur See gefahren,
Und ohne Heimat, da und hier,
Sah ich in mehr als dreißig Jahren
Nur fremde Flaggen über mir.
Nun will ich erst als Normann hausen,
Zu lieber Erde heimgekehrt,
Genießend, was in Sturmes Brausen
Die Fremde meinem Fleiß gewährt.

Seitdem das Hoffen und Erwarten
Mit meinem Bau zu Ende ging,
Dünkt mir im Hause und im Garten
Doch meine Arbeit gar gering.
Zu jung, um müßig drein zu schauen,
Zu alt für Sturm und Meeresnot,
Laß ich zum andern Male bauen
Ein schwimmend Haus, ein Segelboot.
Das ist gemacht für Norwegens Küste,
Genau gefügt, von festem Holz.
Es bleibt dem Seemann sein Gelüste,
Es bleibt ihm auch der alte Stolz.
Ja, wer es kauft, der soll es loben,
Wer mit dem Boot zum Meere geht,
Wenn es dem Steuermann die Proben
Gelehrig und gewandt besteht.
Doch, Schifflein, wer wird auf dir fahren?
Wohl gar der Schalk, der Unverstand?
O wär' ich noch in meinem Jahren,
Du kämst in keine fremde Hand.

Um unsre Schären, unsre Riffe
Wie das Gewoge schäumend wallt!
Wie ringt im Sturm der Zug der Schiffe!
Ein Notschuß nach dem andern hallt!
Und durch die wilden Wasser drängen
Die rot und weißen Segel fort,
Sie leiten zwischen Klippenhängen
Die Schiffe in den sichern Port:
Das sind die Lotsen dieses Strandes,
Die Helfer in des Sturmes Wut,
Das sind die Kühnsten ihres Standes,
Das ist norwegisch Heldenblut.
Und ich, aus gleichem Blut entsprungen,
Fuhr ich umsonst von Meer zu Meer?
Ist das nur Arbeit für die Jungen
Und dem versuchten Mann zu schwer?
Ich weiß, mein Boot, wem du bereitet,
Nun stell' ich keinem dich zu Kauf;
Sobald dein Kiel in's Wasser gleitet,
Hiss' ich das Lotsensegel auf.

Mein Haus auf hohem Uferrande
Und hier mein Boot in meiner Hut:
Ich bin daheim im Norweglande,
Ich bin daheim auf Norwegs Flut.
Von Lotsensegeln rings umflossen,
Den Blumen, die der See entkeimt:
Ich bin bei Freunden, bei Genossen,
Bin Norwegs Männern eingeheimt.
Noch ist es still, die Schiffe gleiten
Gemach zum Lindesnäß hinaus;
Doch Wetter drohn — die Lotsen breiten
Sich an der Schärenküste aus.
Ihr fremden Gäste fahrt geborgen
Hinab an Norwegs Felsenstrand,
Wir, Norwegs Männer, hüten, sorgen,
Wir, allen Menschen anverwandt. —
Nun jagt der Sturm. Es ist die Stäte,
Die Wolken rollen wild heran.
Still, Alter, neige dich und bete!
Nun geht die Lotsenarbeit an.

Siehst du die Brigg dort auf den Wellen?
Sie steuert falsch, sie treibt herein
Und muß am Vorgebirg zerschellen,
Lenkt sie nicht augenblicklich ein.
Ich muß hinaus, daß ich sie leite! —
Gehst du ins offne Wasser vor,
So legt dein Boot sich auf die Seite
Und richtet nimmer sich empor. —
Allein ich sinke nicht vergebens,
Wenn sie mein letzter Ruf belehrt:
Ein ganzes Schiff voll jungen Lebens
Ist wohl ein altes Leben wert.
Gib mir das Sprachrohr! Schifflein, eile!
Es ist die letzte, höchste Not. —
Vor fliegendem Sturme, gleich dem Pfeile,
Hin durch die Schären eilt das Boot;
Jetzt schießt es aus dem Klippenrande.
Links müßt ihr steuern! hallt ein Schrei.
Kieloben treibt das Boot zu Lande,
Und sicher fährt die Brigg vorbei.

Ludwig Giesebrecht

 

 

 

Tötet mich, o meine Freunde,
Denn im Tod nur ist mein Leben!
Ja, im Leben ist mir Tod nur,
Und im Sterben liegt mein Leben!

Wahrlich, höchste Gnade ist es,
Selbst verlöschend zu entschweben,
Und als Schlechtestes erkenn ich,
Fest an diesem Leib zu kleben.

Überdrüßig ist die Seele,
Hier noch im Verfall zu leben.
Tötet mich, ja, und verbrennt mich,
Dessen Glieder elend beben!

Geht dann an dem Rest vorüber,
An den Grüften, leer von Leben:
Meines Freunds Geheimnis sollt ihr
Aus der Erben Innerm heben.

Seht, ich, einer von den Alten
Die nach höchsten Rängen streben,
Bin jetzund ein Kind geworden,
Nur der Mutterbrust ergeben,
Ruhend in der salzgen Erde
Und in tiefen dunklen Gräben.

Wunderbar, dass meine Mutter
Ihrem Vater gab das Leben
Und dass meine jungen Töchter
Mich gleich Schwestern jetzt umgeben.
Eh’bruch nicht, noch Zeitenwandel
Haben dies Geschehn ergeben!

Sammelt meine Teile alle
Aus erstrahlenden Geweben,
Aus der Luft und aus dem Feuer,
Aus dem frischen Quell daneben!
Sät sie sorglich in die Erde,
Die noch staubig ist und eben,
Und befeuchtet sie, o Freunde,

Laßt die Becher kreisend schweben!
Laßt die Dienerinnen gießen,
Brunnen drehend Wasser heben!
Seht, nach sieben Tagen wird sich
Draus ein edler Strauch erheben!

Husain ibn Mansur al-Hallâdsch

 

 

 

Historie von Noah

Als Noah aus dem Kasten war,
Da trat zu ihm der Herre dar;
Der roch des Noäh Opfer fein,
Und sprach: "Ich will Dir gnädig sein,
Und, weil Du ein so frommes Haus,
So bitt' Dir selbst die Gnaden aus."
Fromm Noah sprach: "Ach lieber Herr,
Das Wasser schmeckt mir gar nicht sehr,
Dieweil darinn ersäufet sind,
All' sündhaft Vieh und Menschenkind.
Drum möcht' ich armer, alter Mann,
Ein anderweit Getränke ha'n!" –
Da griff der Herr in's Paradies,
Und gab ihm einen Weinstock süß:
Und sprach: "Den sollt du pflegen sehr!"
Und gab ihm guten Rath und Lehr',
Und wies ihm Alles so und so,
Der Noah ward ohn' Maßen froh.
Und rief zusammen Weib und Kind,
Dazu sein ganzes Hausgesind,
Pflanzt Weinberg' rings um sich herum;
Der Noah war fürwahr nicht dumm!
Baut' Keller dann, und preßt den Wein,
Und füllt ihn gar in Fässer ein.
Der Noah war ein frommer Mann,
Stach ein Faß nach dem andern an,
Und trank es aus, zu Gottes Ehr':
Das macht' ihm eben kein' Beschwer.
Er trank, nachdem die Sündfluth war,
Dreihundert noch und fünfzig Jahr.

August Kopisch

 

 

 


Fauenlied

Wenn schläfrig die Lippen
Beim Göttermahl nippen,
Umtanzen wir Fauen
Im Walde den Schlauch
Nach altem Gebrauch,
Mit Blonden und Braunen.

Wir tauchen die Sorgen
Von gestern und morgen
In schäumende Becher,
Baccantisch das Haupt
Mit Eppich umlaubt,
Dem Lorbeer der Zecher.

Wir schlummern in Grotten
Umkräuselt von Zotten
Sizilischer Vließe;
Hochweislich und schön
Sagt Vater Silen:
Entbehr und genieße!

Wir wissen in Chören,
Dir, Bacchus! zu Ehren,
Arkadisch zu pfeifen.
Das dringt ins Mark!
Nur Pan ist so stark
In Trillern und Läufen.

Die Fäunlinge sonnen
Bei ledigen Tonnen
Sich krauend auf Rasen
Und üben sich schon,
Mit schnarchenden Ton
Ein Stückchen zu blasen.

Eu'r Wünschen entfliege
Nie jenseits der Krüge,
nach menschlicher Weise!
O Schlauch, unsre Welt,
Bist du nur geschwellt,
Ist alles im Gleise!

Die Ohren recken,
Wo Nymphen im Becken
Der Quelle sich waschen,
Und rüstig bergauf,
Bergnieder im Lauf
Die Spröden zu haschen:

Dasb ziemet in Wäldern,
In Grotten und Feldern,
Dem wähligen Volke,
Bocksöhrig und leicht.
Gelgenheit fleucht,
Wie Wasser und Wolke!

Friedrich von Matthisson

 

 

 

 

Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht

 

Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang.
Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nachtumschienter Minengang,
Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jähe Horizonte reißen: Feuerkreis
Von Kugellampen, Dächern, Schloten, dampfend, strömend .. nur sekundenweis ...
Und wieder alles schwarz. Als führen wir ins Eingeweid der Nacht zur Schicht.
Nun taumeln Lichter her ... verirrt, trostlos vereinsamt ... mehr ... und sammeln sich ... und werden dicht.
Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht bleichend, tot - etwas muß kommen ... o, ich fühl es schwer
Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut. Dann dröhnt der Boden plötzlich wie ein Meer:
Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtentrissne Luft, hoch übern Strom. O Biegung der Millionen Lichter, stumme Wacht,
Vor deren blitzender Parade schwer die Wasser abwärts rollen. Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht!
Wie Fackeln stürmend! Freudiges! Salut von Schiffen über blauer See! Bestirntes Fest!
Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt! Bis wo die Stadt mit letzten Häusern ihren Gast entläßt.
Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 


Der Erlenstamm

Am Wasser sproßte ein Erlenbaum,
An plätschernden Wellen, an spielendem Schaum.
Er wollte der Sommer noch manche blühn,
Am blumigen Anger, im Blättergrün.

Da kamen das Beil und die Säge heran
Und faßten ihn mächtig mit grimmigem Zahn,
Und warfen ihn seufzend auf zitternden Grund,
Daß klagend die Wurzel daneben stund.

Das Beil und die Säge, sie zogen davon,
Und nahmen in Bündeln die Äste zum Lohn;
Des Schmuckes entblößt an dem feuchtenden Damm,
So ließen sie liegen den armen Stamm.

So liegt er schon Jahre, so lang, ach so lang,
Daß Schimmel und Moos sich der Rinde entrang,
Dem Anger zur Plage, der Wiese zur Last,
Der Ziege im Wege, die's Ufer umgrast.

Mir war es, als säße ein Wandersmann,
Vom Wege müde am Stamme dran,
Mit weißen Haaren und welker Hand,
Mit feuchtem Auge nach oben gewandt.

Sie trugen ihm all seine Lieben hinaus,
Zur ewigen Heimat, ins himmlische Haus.
Sie ließen ihm all seinen Jammer stehn,
Um eigenen Weges vorüberzugehn.

Mir war es, als seufzt es am Stamme bang:
O Herr der Zeiten, wie lang, wie lang!
Mir war es, als käme vom Himmel ein Wort:
O, harre noch wenig, so trag ich dich fort.

Karl Theurer

 

 

 

Frühlingslied

In der Laube von Syringen,
Oh, wie ist der Abend fein.
Brüder, laßt die Gläser klingen,
Angefüllt, mit Maienwein.

Heija, der frische Mai,
Er bringt uns mancherlei.
Das Schönste aber hier auf Erden
Ist lieben und geliebt zu werden.
Heija, im frischen Mai.

Über uns die lieben Sterne
Blinken hell und frohgemut,
denn sie sehen schon von ferne,
auch hier unten geht es gut.

Wer sich jetzt bei trüben Kerzen
Der Gelehrsamkeit befleißt,
Diesem wünschen wir von Herzen,
daß er bald Professor heißt.

Wer als Wein- und Weiberhasser
jedermann im Wege steht,
Der genieße Brot und Wasser,
Bis er endlich in sich geht.

Wem vielleicht sein altes Hannchen
Irgendwie abhanden kam,
Nur getrost, es gab schon manchen,
Der ein neues Hannchen nahm.

Also, eh der Mai zu Ende,
Aufgeschaut und umgeblickt,
Keiner, der nicht eine fände,
Die ihn an ihr Herze drückt.

Jahre steigen auf und nieder;
Aber, wenn der Lenz erblüht,
Dann, ihr Brüder, immer wieder
Töne unser Jubellied.

Heija, der frische Mai,
Er bringt uns mancherlei,
Das Schönste aber hier auf Erden
Ist lieben und geliebt zu werden,

Heija, im frischen Mai.

Wilhelm Busch

 

 

 

Auf die Verstellung derer Frauenzimmer

Mädchen, stellt euch nicht so spröde
Und entflieht uns nicht so fern!
Scheint gleich euer Antlitz blöde,
Hat es doch das Herze gern.
Küßt man euch, so heißt es dahlen
Tändeln, albern sein;
Ich versteh wohl, das sind Schalen,
Darum wollt ihr nur den Kern.

Wenn wir etwan Rosen brechen
Und in Busen stehlen gehn,
Wollt ihr flugs mit Nadeln stechen
Und den Galgen gleich erhöhn;
Ja, ihr flucht wohl um die Wette
Und entlauft uns bis zum Bette,
Nur damit wir schärfer stehn.

Meint nicht, daß es niemand merke,
Wie es euch geheim verdreußt,
Wenn man zu dem süßen Werke
Gar zu fromm und christlich heißt;
Denn da könnt ihr bei den Schwestern
Dessen Einfalt gut verlästern,
Der sich gar zu feig erweist.

Wenn ihr uns den Mund entrücket,
Wollt ihr nur gezwungen sein,
Wenn man den nun ernstlich drücket,
Hört man keine Feuer schrein.
Kurz, ihr pfleget in dem Lieben
Nie kein Wasser zu betrüben,
Sondern plumpt mit uns hinein.

Johann Christian Günther

 

 

 

Der Traum vom Lieben Gott

Mir träumt, ich schlummert unterm Weidenbusch
Am Bachesufer, auf der Himmelswiese,
Und mit dem Wasser käm ein schöner Mann
Im Boot dahergefahren. Längs der Fahrt
Bog er die Büsche auseinander, spähte
In das Versteck und reichte links und rechts
Geschenke, welche er dem Boot enthob.

Wo er vorbeizog, scholl ein Dankesschluchzen.
Und aus den Wellen sang's wie Orgelstimme:
"Kleingläubige Zweifler, habt ihr's nicht gespürt?
Ihr mußtet leiden, daß ihr lernet wünschen.
Ihr mußtet wünschen, daß ich euch's gewähre.
Was jeder ihm verschwiegnen Seelengrund
Ersehnt, die Träume, die dem eignen Herzen
Er nicht verriet, ich habe sie gebucht.
Nehmt hin, ich kenne jedes Menschenherz!
Nehmt hin, ich kenne jeder Seele Sehnsucht!"

Allmählich kam er auch zu mir. Neugierig
Schärft ich den Blick, denn keines Wunsches war
Ich mir geständig. Da entstieg dem Nachen
Ein strahlend Frauenbild, vertraulich winkend,
Eilt auf mich zu und lachte mir ins Auge:
"Kleingläubiger Zweifler, hast du's nicht gespürt?"
Dann nahm sie meine Hand und führte mich
Durch blumige Triften nach den blauen Bergen.
Viel Fenster lugten auf den Weg, dahinter
Gesichter, deren Grüße uns vermählten.
Wir aber zogen miteinander weiter
Und immer weiter über Berg und Tal,
Ohne Verdruß und ohne Müdigkeit,
Bis wir verschwanden in gottinniger Ferne.

Carl Spitteler

 

 

 

 

Weihnacht zur See

 

Weihnacht war es auf tosender See.
Haushohe Wellen an Luv und an Lee.
Am Ruder stand Jürgens Claus;
Sah bald auf den Kompaß und bald voraus.
Die eisernen Speichen lenkte er fest
Und führte verwegen
Durch Sturm und Regen
Das ächzende Schiff nach West-Nord-West.
Wuchtige Seen mit schäumender Gischt
Fegten das Deck,
Doch er wich nicht vom Fleck,
Er rührte sich nicht,
Ob auch vom Südwester übers Gesicht,
Ob von der Stirn in den struppigen Bart
Das salzige, eisige Wasser ihm rann. -
So etwas bleibt keinem Seemann erspart.
Jürgens Claus stand seinen Mann. --
West-Nord-West lag an.
Und er sah auf den Kompaß, vom Wetter umtost,
Wehrte behende dem tückischen Schwanken
Der kleinen Nadel. Doch in Gedanken
Flog er gen Ost-Süd-Ost;
Flog in ein fernes Fischerhaus.
Dort war er daheim, Jürgens Claus.
Es war ein armer,
Doch traulich warmer
Und freundlicher Raum.

Die Kuckucksuhr war eben verklungen.
Still malte der Feuerschein an den Wänden.
Im Lehnstuhl unter dem Weihnachtsbaum
Saß Mutter und hielt wie im Traum
In ihren alten, zitternden Händen
Den letzten Brief von ihrem Jungen. -
Er wußte, er war ja ihr einziges Glück. --

'Was ist der Kurs?' erklang es von oben.
'Recht West-Nord-West!' gab Claus zurück.
Die eisernen Speichen lenkte er fest
Und führte voll Kraft und kühnem Mut
Das ächzende Schiff gen West-Nord-West.
Claus Jürgens stand seinen Mann.
War es wohl salzige Meeresflut,
Was heiß ihm über die Wangen rann?

Joachim Ringelnatz
 

 

 

Lütt Jan

Jan Boje wünscht sich lange schon
ein Schiff – ach Gott, wie lange schon!
Ein Schiff so groß – ein Schiff – hurra:
von hier bis nach Amerika.
Die höchsten Tannen sind zu klein,
die Masten müßten Türme sein,
die stießen – hei, was ist dabei? –
klingling das Himmelsdach entzwei.

Die Wolken wären Segel gut,
die knallen wild im Wind vor Wut;
Jan Boje hängt am Klüverbaum
und strampelt nackt im Wellenschaum.

Jan baumelt an der Reling, Jan!
und schaukelt, was er schaukeln kann.
Wenn's an die Planken plitscht und platscht,
der blanke Steert ins Wasser klatscht.

Wie greift er da die Fische flink:
Ein Butt bei jedem Wellenblink!
Die dörrt auf Deck der Sonnenschein,
und Jantje beißt vergnügt hinein.

Jan Boje segelt immerfort,
spuckt über Back- und Steuerbord
und kommt zurück trotz Schabernack,
das ganze Schiff voll Kautabak.

Wer aber ist Jan Boje, he?
Der Teufelsmaat und Held zur See?
Jan Boje ist ein Fischerjung',
ein Knirps, ein Kerl, ein frischer Jung'.

Grad liegt er auf dem Bauch im Sand
und lenkt ein schwimmend Brett am Band,
und ob die Woge kommt und geht,
ob sich sein Brett im Wirbel dreht –:

Sein starrer Blick ins Ferne steht.

Da schwillt's heran im Sonnengleiß
von tausend Segeln breit und weiß;
da hebt sich manch ein Riesenbug
wie düstrer Spuk und Augentrug...

Das wandert ewig übers Meer.
Wann kommt Jan Bojes Schiff daher?

Otto Ernst

 

 

 

Die Geister am Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
Mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
Und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
Sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal –
Sie haben den See schon betreten –
Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal –
Sie schwirren in leisen Gebeten –
O schau,
Am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
Gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
Und – drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
Es geisten die Nebel am Ufer dahin,
Zum Meere verzieht sich der Weiher –
Nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
Nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

Eduard Mörike

 

 

 

Der Tod der Liebenden

Durch hohe Tore wird das Meer gezogen
Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt
Der späte Tag am hellen Himmelsbogen
Und fern hinab des Meeres Weite träumt.

Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor
Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit
Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr
Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.

Laß ab vom Weinen. Bei den Toten unten
Im Schattenlande werden wir bald wohnen
Und ewig schlafen in den Tiefen drunten,
In den verborgnen Städten der Dämonen.

Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen,
Wir hören nichts in unsrer Hallen Räumen.
Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
Und leisen Wind in den Korallenbäumen.

Wir werden immer beieinander bleiben
Im schattenhaften Walde auf dem Grunde.
Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben,
Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.

Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab,
Er gibt uns Heimat, und trägt uns weich
In seinem Mantel in das dunkle Grab,
Wo viele schlafen schon im stillen Reich.

Des Meeres Seele singt am leeren Kahn.
Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden
In Meeres Einsamkeit. Der Ozean
Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der blinden.

In hohen Wogen schweift ein Kormoran
Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei.
Darunter ziehn die Toten ihre Bahn.
Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.

Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen Mund
Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund
Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt.

Georg Heym

 

 

 

Gebet der Sättigung

Nun verging der Stern der Frühe,
meine Augenlider brennen;
und die Sonne kann mit Mühe
die gefrornen Nebel trennen.

Mich verdrießt mein nächtlich Brüten;
drüben an den Häuserwänden
sprießen diamantne Blüten.
Meine Prüfung kann nun enden!

Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
Auf die dunstbelaufnen Scheiben
will ich breit mit steifem Finger
Venus Redidiva schreiben!

Denn ich weiß, du bist Astarte,
deren wir in Ketten spotten,
du von Anbeginn, du harte
Göttin, die nicht auszurotten.

Aber Ich war weich wie glühend Eisen;
darum sollst du mich in Wasser tauchen,
bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
und der Stahl wird, den wir brauchen.

Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien,
die dann mit berauschter Durstgeberde
wünscht, daß unsere Lüste fruchtbar seien
und ein Wurm zur Göttin werden.

Nach der Nacht der blinden Süchte
seh ich nun mit klaren bloßen
Augen meine Willensfrüchte;
denn ich bin wie jene großen

Tagraubvögel, die zum Fliegen
sich nur schwer vom Boden heben,
aber, wenn sie aufgestiegen,
frei und leicht und sicher schweben.

Glitzernd winkt mein Horst, – Du eine,
die ich liebe: Ja und Amen:
heute komm ich! heute soll meine
Klarheit Deinen Schooss besamen!

Schon errötet dort der Giebel;
Sonne, mach ein bischen schneller!
– Schuster – bring mir meine Stiebel,
heut verlaß ich deinen Keller! –

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Die toten Freuden

Blumen hab' ich viel gewunden,
Viel ist mir des Leid geschehn
Wünsch' ich wirklich, all der Stunden
Eine sollt' mir auferstehn?
Eine sollte wieder gleichen
Jener, die im Nebel sank;
Sollte mir die Schale reichen,
Die ich schon zur Neige trank?
Sollte locken mit den süßen
Melodien, weltentrückt;
Sollte mit dem Lächeln grüßen,
Das mich einmal schon entzückt?

Keine, keine gibt von allen,
Was sie dir schon einmal gab.
Türen, die ins Schloß gefallen,
Weichen keinem Zauberstab.
Wasser, die dahingeschwommen,
Kehren zu der Quelle nicht;
Deiner Sehnsucht Eimer kommen
Aus dem Brunnen leer zum Licht.
Und es trägt dich keine Schwinge
Zu der Rose, die entschwand,
Da der Hoffnung Schmetterlinge
Gaukelten ins junge Land.

Rufe als ein rüst'ger Wandrer
Tote Freuden nicht zurück;
Sieh, du wurdest selbst ein andrer,
Und ein andres heißt dein Glück.
Ach, in deinen kräft'gen Armen
Läg' ein körperloser Traum,
Und ein fröstelndes Erbarmen
Rührte deine Seele kaum.
Mitleidlos heraufbeschworen,
Welke Rosen grau im Haar,
Ging in Wahrheit dir verloren,
Was voreinst so köstlich war!

Neuer Lenz führt neue Tänze,
Wo der Schnee des Winters wich;
Junge Hände flechten Kränze,
Und die Kränze grüßen dich.
Reitend nach den fernen Bergen,
Die des Ostens Gold umschmiegt,
Senk den Degen vor den Särgen,
Drin die tote Liebe liegt.
Denk des Abschieds ohne Beben,
Ehr die Kämpfer tief im Grund –
Und das rote warme Leben
Küsse mitten auf den Mund.

Rudolf Presber

 

 

 

Ein kleines Abenteuer schienst du mir.
Du kamst, ich nahm dich und empfing von dir,
Was jemals schleudernd eine Frau verschenkte,
Die all ihr Sein in ihre Liebe senkte.
Und ich genoß, ein alternder Galan,
Geschmeichelt-zärtlich deinen jungen Wahn,
Nahm dir die wilden Küsse gern vom Munde
Und lebte zeitvergessen in der Stunde…
Der Rausch war kurz. Ein Abend kam herauf.
Ich deckte dir mein breites Lager auf
Und staunte, daß zum Tee das Wasser kochte,
Eh' deine Hand wie sonst ans Türkreuz pochte.
Und als ich dann des Nachts alleine schlief,
War mir's, als ob mich deine Stimme rief,
Und eine Sehnsucht ging durch meine Träume,
Wie Frühlingswinde durch entlaubte Bäume.
Am andern Tag kauft' ich zum Mittag ein:
Dein Lieblingsessen und Tokayerwein.
Ich stand am Fenster, rief dich, brummte Flüche,
Und schickt' die Speisen wieder in die Küche.
Ein Brief kam an – dein Duft und deine Hand.
Ich wußt', noch eh' ich las, was drinnen stand.
Auf meinen ›unsern!‹ Diwan sank ich nieder
Und schob dein Tuch beiseite und dein Mieder…
Nachher im Spiegel schien ich krank und alt.
Im Aschennapf lag die Zigarre – kalt.
Ich pfiff und gab dem Stummel neues Feuer. –
Es war ja nur ein kleines Abenteuer.

Erich Mühsam

 

 

 

Der Taucher

"Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp',
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen gold'nen Becher werf' ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Und wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er sei sein eigen."

Der König spricht es und wirft von der Höh'
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
"Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?"

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen's und schweigen still,
Gehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum dritten Mal wieder fraget:
"Ist keiner, der sich hinunter waget?"

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor. -
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunter schlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit dem fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn' Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt;
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging's in den Höllenraum:
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und - ein Schrei des Entsetzen wird rings gehört -
Schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schimmer
Schließt sich der Rachen; er zeigt sich nimmer.

Und stille wird's über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl;
Und bebend geht es von Mund zu Mund:
"Hochherziger Jüngling, fahre wohl!"
Und hohler und hohler hört man's heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron',
Er soll sie tragen und König sein -
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn,
Was die heulende Tiefe da unten verhehle,
Das erzählt keine lebende, glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel erfaßt,
Schoß jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast
Hervor aus dem alles verschlingendem Grab. -
Und heller und heller, wie Sturmessausen,
Hört man's näher und näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well' auf Well' sich ohn' Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! Aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich's schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Rachen wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß;
Und er ist's, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lange und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem Andern rief:
"Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab', aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele."

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm knieend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

"Lang lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigen Licht!
Da unten aber ist's fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und mit Grauen!

Es riß mich hinunter blitzesschnell;
Da stürzt mir aus seligem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell;
Mich packte des Doppelstroms wütende Macht,
Und wie ein Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich's um, ich konnte nicht widerstehnen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfaßt' ich behend und entrann dem Tod;
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär'er in's Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag's noch Berge tief
In purpurner Finsternis da,
Und, ob's hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachlige Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers gräuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war's mir mit Grausen bewußt,
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der gräßlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht' ich's, da kroch's heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass' ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich faßt mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach oben."

Der König erhob sich verwundert schier
Und spricht: "Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm' ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versuchst du's noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grund."

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
"Laßt, Vater, genug sein das grausame Spiel;
Er hat euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt ihr des Herzens Gelüste nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen."

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
"Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell',
So sollt du der trefflichste Ritter mir sein,
Und sollst sie als Ehgemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen."

Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er sieht erröten die schöne Gestalt,
Und sieht sie erbleichen und sinken hin; -
Da treibt's ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündet der donnernde Schall;
Da bückt sich's hinunter mit liebendem Blick, –
Es kommen und kommen die Wasser all',
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder, –
Den Jüngling bringt keines wieder.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

1901

Schließ auf das Tor; laß seine Flügel springen;
zünd deine Leuchte an in allen Landen!
Mir ist, als hörte ich den Ruf erklingen,
es sei der Tod zum Leben auferstanden.
Breit deine Fluren aus und deine Pfade;
laß deine Wasser klar und freundlich fließen,
und von dem Himmel möge sich die Gnade
auf Alles, was die Erde trägt, ergießen.
Schließ auf das Tor; es tritt die Menschheit ein;
o, laß ihr diesen Schritt gesegnet sein!
Schließ auf den Schrein, vor dem wir betend knien,
dem wir die Liebe, die Verehrung zollen,
die wir auf seinen Inhalt doch beziehen
und nicht dem Menschenwerke widmen sollen!
Laß uns erkennen, was wir nicht erkannten,
uns der Geist die Seele stets verhehlte;
laß uns verstehen, was wir nicht verstanden,
weil uns die wahre Liebe nicht beseelte.
Schließ auf den Schrein, und zeig, was er enthält,
daß mit dem Schleier auch der Irrtum fällt!
Schließ auf die Herzen; nirgends stehn sie offen,
denn jedes will nur für sich selbst empfinden,
und doch ist es ihr eignes, schönstes Hoffen,
daß sie in Liebe sich zusammenfinden!
Laß diese Liebe endlich doch erwachen
und aus dem Ich heraus ins Leben steigen,
die Menschen zur gesamten Menschheit machen
und sich als Seele dieses Leibes zeigen.
Schließ auf die Herzen; lehre sie verstehn,
daß alle Pulse nur als einer gehn!
Schließ auf das Paradies; gib es uns wieder!
Wir wollen heim; wir wollen Frieden halten.
Der Vater ist das Haupt; wir sind die Glieder;
nur seine Güte soll im Hause walten.
Sei du die Zeit, die uns um ihn versammelt,
zeig uns der Worte köstlichstes auf Erden,
das unsre Bitte um Versöhnung stammelt,
dann wirst du eine Zeit des Edens werden.
Schließ auf das Paradies, das Gottesland,
und sei uns zur Erleuchtung zugesandt!

Karl Friedrich May

 

 

 

Der Bettler und sein Hund

Drei Taler erlegen für meinen Hund!
So schlage das Wetter mich gleich in den Grund!
Was denken die Herrn von der Polizei?
Was soll nun wieder die Schinderei?

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,
Der keinen Groschen verdienen kann;
Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brot,
Ich lebe ja nur von Hunger und Not.

Und wann ich erkrankt, und wann ich verarmt,
Wer hat sich da noch meiner erbarmt?
Wer hat, wann ich auf Gottes Welt
Allein mich fand, zu mir sich gesellt?

Wer hat mich geliebt, wann ich mich gehärmt?
Wer, wann ich fror, hat mich gewärmt?
Wer hat mit mir, wann ich hungrig gemurrt,
Getrost gehungert und nicht geknurrt?

Es geht zur Neige mit uns zwein,
Es muß, mein Tier, geschieden sein;
Du bist, wie ich, nun alt und krank,
Ich soll dich ersäufen, das ist der Dank!

Das ist der Dank, das ist der Lohn!
Dir geht's wie manchem Erdensohn.
Zum Teufel! ich war bei mancher Schlacht,
Den Henker hab ich noch nicht gemacht.

Das ist der Strick, das ist der Stein,
Das ist das Wasser, – es muß ja sein.
Komm her, du Köter, und sieh mich nicht an,
Noch nur ein Fußstoß, so ist es getan.

Wie er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,
Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt,
Da zog er die Schlinge sogleich zurück
Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und tat einen Fluch, gar schauderhaft,
Und raffte zusammen die letzte Kraft,
Und stürzt' in die Flut sich, die tönend stieg,
Im Kreise sich zog und über ihm schwieg.

Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu,
Wohl heult' er die Schiffer aus ihrer Ruh,
Wohl zog er sie winselnd und zerrend her, –
Wie sie ihn fanden, da war er nicht mehr.

Er ward verscharret in stiller Stund,
Es folgt' ihm winselnd nur der Hund,
Der hat, wo den Leib die Erde deckt,
Sich hingestreckt und ist da verreckt.

Adelbert von Chamisso

 

 

 


Mummelsees Rache

Glatt ist der See, stumm liegt die Fluth,
So still, als ob sie schliefe,
Der Abend ruht wie dunkles Blut
Rings auf der finstern Tiefe;
Die Binsen im Kreise nur leise
Flüstern verstohlener Weise:

»Wer schleicht dort aus dem Tannenwald mit scheuem Tritte her?
Was schleppt er in dem Sacke nach so mühsam und so schwer?«
»Das ist der rothe Dieter, der Wilderer benannt,
Dem Förster eine Kugel hat er ins Herz gebrannt,
Jetzt kommt er, ins Gewässer den Leichnam zu versenken,
Doch unser alter Mummler läßt sich so was nicht schenken.«

»Der Alte hat gar leisen Schlaf, ihn stört sogar ein Stein,
Den man vielleicht aus Unbedacht ins Wasser wirft hinein;
Dann kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Und flieht nicht gleich der Wandrer mit blitzgeschwindem Lauf,
So muß er in den Fluthen als Opfer untergehen,
Kein Auge wird ihn jemals auf Erden wiedersehen!«

Da steht der Frevler an dem See, wirft seine Bürde ab,
Und stößt hinab mit einem Fluch den Sack ins nasse Grab:
»Da, jage du nun Fische, da drunten in dem See!
Jetzt kann ich ruhig pirschen im Walde Hirsch und Reh,
Kann mich nun ruhig wärmen an deines Holzes Gluthen,
Du brauchst ja doch kein Feuer da drunten in den Fluthen.«

Er spricht's und will zurück, doch hält ein Dorngestrüpp' ihn an,
Und immer fester zerrt es ihn mit tausendfachem Zahn.
Da kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Dumpf ob dem Gebirge nimmt der Donner seinen Lauf,
Der See steigt übers Ufer, es glüh'n des Himmels Flammen,
Und hoch schlägt über dem Mörder die schwarze Fluth zusammen.

Stumm liegt der See, als ob die Gluth
Der Rache wieder schliefe;
Glatt ist die Fluth, im Monde ruht
Die unermess'ne Tiefe -
Die Binsen im Kreise nur leise
Flüstern verstohlener Weise.

August Schnezler

 

 

 

Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer

Wenn endlich Juli würde anstatt März,

Nichts hielte mich, ich nähme einen Rand,
Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn
Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.

Da stünden Gruppen großer Bäume nah,
Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche:
Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!

Da stiege ich vom Pferde oder riefe
Dem Kutscher: Halt! und ginge ohne Ziel
Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.

Und unter solchen Bäumen ruht ich aus;
In deren Wipfel wäre Tag und Nacht
Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,

Wo Tage manchmal öd sind wie die Nacht
Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag.
Dort wäre Alles Leben, Glanz und Pracht.

Und aus dem Schatten in des Abendlichts
Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin,
Doch nirgend flüsterts: »Alles dies ist nichts.«

Das Tal wird dunkel. und wo Häuser sind,
Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an,
Doch nicht vom Sterben spricht der nächtige Wind.

Ich gehe übern Friedhof hin und sehe
Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen,
Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.

Und zwischen Haselsträuchern, die schon düstern,
Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich
Und höre kein »Dies ist vergeblich« flüstern!

Da ziehe ich mich hurtig aus und springe
Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe,
Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.

Halb heb ich mich aus der eiskalten Welle,
Und einen glatten Kieselstein ins Land
Weit schleudernd, steh ich in der Mondeshelle.

Und auf das mondbeglänzte Sommerland
Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig
Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?

So trüb und traurig, der halb aufrecht kauert
Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt
Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?

Er, den der böse Wind in diesem März
So quält, daß er die Nächte nie sich legt,
Gekrampft die schwarzen Hände auf sein Herz?

Ach, wo ist Juli und das Sommerland!

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Die Weltweisen

Der Satz, durch welchen alles Ding
Bestand und Form empfangen,
Der Kloben, woran Zeus den Ring
Der Welt, die sonst in Scherben ging,
Vorsichtig aufgehangen,
Den nenn ich einen großen Geist,
Der mir ergründet, wie er heißt,
Wenn ich ihm nicht drauf helfe –
Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.

Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt,
Der Mensch geht auf zwei Füßen,
Die Sonne scheint am Firmament,
Das kann, wer auch nicht Logik kennt,
Durch seine Sinne wissen.
Doch wer Metaphysik studiert,
Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert,
Weiß, daß das Nasse feuchtet
Und daß das Helle leuchtet.

Homerus singt sein Hochgedicht,
Der Held besteht Gefahren,
Der brave Mann tut seine Pflicht
Und tat sie, ich verhehl es nicht,
Eh noch Weltweise waren;
Doch hat Genie und Herz vollbracht,
Was Lock' und Descartes nie gedacht,
Sogleich wird auch von diesen
Die Möglichkeit bewiesen.

Im Leben gilt der Stärke Recht,
Dem Schwachen trotzt der Kühne,
Wer nicht gebieten kann, ist Knecht,
Sonst geht es ganz erträglich schlecht
Auf dieser Erdenbühne.
Doch wie es wäre, fing der Plan
Der Welt nur erst von vornen an,
Ist in Moralsystemen
Ausführlich zu vernehmen.

»Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem großen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.
Drum flieht der wilden Wölfe Stand
Und knüpft des Staates daurend Band.«
So lehren vom Katheder
Herr Pufendorf und Feder.

Doch weil, was ein Professor spricht,
Nicht gleich zu allen dringet,
So übt Natur die Mutterpflicht
Und sorgt, daß nie die Kette bricht
Und daß der Reif nie springet.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

 

Testament

Ich mache jetzt mein Testament,
Es geht nun bald mit mir zu End.
Nur wundre ich mich, daß nicht schon längstens
Mein Herz gebrochen vor Gram und Ängsten.

Du aller Frauen Huld und Zier,
Luise! ich vermache dir
Zwölf alte Hemde und hundert Flöhe,
Und dreimalhunderttausend Flüche.

Dem guten Freund, der mit gutem Rat
Mir immer riet und nie was tat,
Jetzt, als Vermächtnis, rat ich ihm selber:
Nimm eine Kuh und zeuge Kälber.

Wem geb ich meine Religion,
Den Glauben an Vater, Geist und Sohn?
Der Kaiser von China, der Rabbi von Posen,
Sie sollen beide darum losen.

Den deutschen Freiheits- und Gleichheitstraum,
Die Seifenblasen vom besten Schaum,
Vermach ich dem Zensor der Stadt Krähwinkel;
Nahrhafter freilich ist Pumpernickel.

Die Taten, die ich noch nicht getan,
Den ganzen Vaterlandsrettungsplan,
Nebst einem Rezept gegen Katzenjammer,
Vermach ich den Helden der badischen Kammer.

Und eine Schlafmütz, weiß wie Kreid,
Vermach ich dem Vetter, der zur Zeit
Für die Heidschnuckenrechte so kühn geredet;
Jetzt schweigt er wie ein echter Römer.

Und ich vermache dem Sittenwart
Und Glaubensvogt zu Stuttegard
Ein Paar Pistolen [doch nicht geladen],
Kann seiner Frau damit Furcht einjagen.

Ein treues Abbild von meinem Steiß
Vermach ich der schwäbischen Schule; ich weiß,
Ihr wolltet mein Gesicht nicht haben,
Nun könnt ihr am Gegenteil euch laben.

Zwölf Krüge Seidlitzer Wasser vermach
Ich dem edlen Dichtergemüt, das ach!
Seit Jahren leidet an Sangesverstopfung;
Ihn tröstete Liebe, Glaube und Hoffnung.

Und dieses ist ein Kodizill:
Für den Fall, daß keiner annehmen will
Die erwähnten Legate, so sollen sie alle
Der römisch-katholischen Kirche verfallen.

Heinrich Heine

 

 

 

Die Weltweisen

Der Satz, durch welchen alles Ding
Bestand und Form empfangen,
Der Kloben, woran Zeus den Ring
Der Welt, die sonst in Scherben ging,
Vorsichtig aufgehangen,
Den nenn ich einen großen Geist,
Der mir ergründet, wie er heißt,
Wenn ich ihm nicht drauf helfe –
Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.

Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt,
Der Mensch geht auf zwei Füßen,
Die Sonne scheint am Firmament,
Das kann, wer auch nicht Logik kennt,
Durch seine Sinne wissen.
Doch wer Metaphysik studiert,
Der weiß, daß, wer verbrennt, nicht friert,
Weiß, daß das Nasse feuchtet
Und daß das Helle leuchtet.

Homerus singt sein Hochgedicht,
Der Held besteht Gefahren,
Der brave Mann tut seine Pflicht
Und tat sie, ich verhehl es nicht,
Eh noch Weltweise waren;
Doch hat Genie und Herz vollbracht,
Was Lock' und Descartes nie gedacht,
Sogleich wird auch von diesen
Die Möglichkeit bewiesen.

Im Leben gilt der Stärke Recht,
Dem Schwachen trotzt der Kühne,
Wer nicht gebieten kann, ist Knecht,
Sonst geht es ganz erträglich schlecht
Auf dieser Erdenbühne.
Doch wie es wäre, fing der Plan
Der Welt nur erst von vornen an,
Ist in Moralsystemen
Ausführlich zu vernehmen.

»Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem großen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Mühle.
Drum flieht der wilden Wölfe Stand
Und knüpft des Staates daurend Band.«
So lehren vom Katheder
Herr Pufendorf und Feder.

Doch weil, was ein Professor spricht,
Nicht gleich zu allen dringet,
So übt Natur die Mutterpflicht
Und sorgt, daß nie die Kette bricht
Und daß der Reif nie springet.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

Irdisches Glück und Himmlische Glückseligkeit

 

Ihr seid Liebe. Ihr entstammt der Liebe. Liebe hat euch ins Leben gerufen. Ihr könnt nicht aufhören zu lieben.
Wenn man sich über die irdische Liebe erhoben hat, blüht die himmlische Liebe auf.
Jesus ist die Seele des Weltalls, und – wie es im Koran heißt: "Geist Gottes".
An der Kälte der Welt zu erkalten, ist Schwäche, ... aber in der Welt zu leben und gleichzeitig darüber zu stehen, ist wie Wandeln auf dem Wasser.
Es ist ein Licht in jeder Seele; es müssen nur die Wolken, die es verhüllen, aufgelöst werden, auf daß es hervorstrahle.
Es steht stets irgendein Zusammenbruch, irgendeine Gefahr, irgendeine Unannehmlichkeit bevor, wenn man der Liebe nicht erlaubt, frei zu strömen und sie begrenzt.
Tatsächlich ist jede schöne und harmonische Handlung, jede Handlung aus Liebe, Güte und Mitgefühl, der Tanz der Seele.
Wir kommen von einem vollkommenen Ursprung und sind unterwegs zu einem vollkommenen Ziele.
"Himmel ist die Vision der erfüllten Wünsche. Hölle ist der Schatten eines brennenden Gemütes." (Omar Khayyám)
Der Hunger des Menschen wird durch Nahrung gestillt; aber dahinter steht der Hunger der Seele, und dieser kann (durch irdische Nahrung) nie gestillt werden.
So wie jeder Fluß zum Meere fließen und sich mit ihm vereinigen möchte, so hat jede Seele die Sehnsucht, sich dem Geiste zuzuwenden und sich mit ihm zu vereinigen.
Ein religiöser Mensch kann entweder das Licht verbreiten oder aber es löschen, indem er seinen Glauben anderen aufzwingt.
Sobald wir unser Sein und Dasein mit offenen Augen sehen, erkennen wir, wie es zwei Aspekte unseres Wesens gibt: den trügerischen und den wahren ... Wir halten das wahre Leben für das trügerische und das trügerische für das wahre.
Die wahre Bedeutung der Kreuzigung liegt in der Kreuzigung des irrigen, unwahren Selbstes, wodurch das wahre Selbst aufersteht.
Es gibt keine größere Macht als die Liebe. Alle Kraft und Stärke entwickelt sich, wenn die Liebe im Herzen erwacht.
Wenn Liebe sich in einem Ziel sammelt, ist es Liebe. Wenn sie mehreren Zielen gilt, ist es Zuneigung. Wenn sie einer Wolke gleicht, nennt man sie Verblendung. Wenn ihre Neigung moralisch ist, geht es um Ergebenheit. Wenn sie sich Gott zuwendet, ... dem wahrhaft einzigen Sein, dann wird sie Göttliche Liebe genannt, der Liebende wird heilig.

Hazrat Inayat Khan

 

 

1 Stimme des Windes

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.
Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.
Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;
Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.


2 Stimme des Regens

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.
Und Erd und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen
Und Mein und Dein vergessen traurig beide.
Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.
Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel sausen,
Und ein Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.


3 Stimme der Glocken

Den glatten See kein Windeshauch verknittert,
Das Hochgebirg, die Tannen, Klippen, Buchten,
Die Gletscher, die von Wolken nur besuchten,
Sie spiegeln sich im Wasser unzersplittert.
Das dürre Blatt vom Baume hörbar zittert,
Und hörbar rieselt nieder in die Schluchten
Das kleinste Steinchen, das auf ihren Fluchten
Die Gemse schnellt, wenn sie den Jäger wittert.
Horch! Glocken in der weiten Ferne tönend,
Den Gram mir weckend und zugleich versöhnend,
Dort auf der Wiese weiden Alpenkühe.
Das Läuten mahnt mich leise an den Frieden,
Der von der Erd auf immer ist geschieden
Schon in der ersten Paradiesesfrühe.


4 Stimme des Kindes

Ein schlafend Kind! o still! in diesen Zügen
Könnt ihr das Paradies zurückbeschwören;
Es lächelt süß, als lauscht es Engelchören,
Den Mund umsäuselt himmlisches Vergnügen.
O schweige, Welt, mit deinen lauten Lügen,
Die Wahrheit dieses Traumes nicht zu stören!
Laß mich das Kind im Traume sprechen hören
Und mich, vergessend, in die Unschuld fügen!
Das Kind, nicht ahnend mein bewegtes Lauschen,
Mit dunklen Lauten hat mein Herz gesegnet,
Mehr als im stillen Wald des Baumes Rauschen;
Ein tiefres Heimweh hat mich überfallen,
Als wenn es auf die stille Heide regnet,
Wenn im Gebirg die fernen Glocken hallen.

Nikolaus Lenau

 

 

Golgatha

Nimm, Herr, mich mit auf deinem Todesgange,
Daß ich den letzten Segen noch empfange,
Den du im Dulden, Bluten und Erblassen
Der Welt gelassen.

Mit Zions Töchtern möcht ich um dich klagen,
Mit Simon dir den Marterbalken tragen
Und mit Johannes unter bittern Wehen
Am Kreuze stehen.

Die Füße, die mit nimmermüdem Schritte
So sanft gewandelt in des Volkes Mitte,
O laß mich sie, eh' sie erstarren müssen,
Noch einmal küssen.

Die Hände, die nur wohlgetan auf Erden
Und zum Dank ans Holz geheftet werden,
O breite sie vom Kreuzesarm zum Segen
Mir noch entgegen!

Ihr Lippen, stets holdselig anzuhören,
So vielgetreu im Trösten, Mahnen, Lehren,
O gönnt mir noch, eh' ihr euch müßt entfärben,
Ein Wort im Sterben!

Doch stille, horch! Die Hammerschläge klingen,
die ihm durchs Fleisch und mir durchs Herze dringen,
Er aber fleht zu Gott mit Engelsmienen:
Vergib du ihnen!

Nun hängt er nackt inmitten der Verbrecher
Und neigt sich mild zum reuevollen Schächer
Und öffnet ihm mit hohem Gnadenworte
Des Himmels Pforte.

Die Mutter sieht er mit dem Schwert im Herzen,
Am Kreuze stehn in namenlosen Schmerzen,
Drum sorgt er, daß an Sohnesstatt ihr bliebe
Johannis Liebe.

Jetzt aber sieh! wie sich der Tag umnachtet;
Jetzt aber horch! wie seine Seele schmachtet:
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen?
Wer kann es fassen?

Mich dürstet! klagt er, seine Glieder beben,
Die Zunge muß verdorrt am Gaumen kleben:
Lebendig Wasser strömt vom Lebensfürsten,
Und er muß dürsten.

Doch nur getrost, schon ist sein Kampf geendet,
Die Schrift erfüllt, des Vaters Werk vollendet,
Es ist vollbracht! - durch alle Himmelshallen
Soll's widerschallen.

Aus Wolkennacht schon dämmert neu die Sonne,
Das Todesweh geht aus in Himmelswonne,
Und sterbend spricht er: Vater, ich befehle
Dir meine Seele.

Es ist vollbracht! mein Heiland ist verschieden,
Sein müdes Haupt, es neigt sich nun im Frieden;
Die Erde bebt, des Abgrunds Felsen splittern,
Die Menschen zittern.

Das Volk verstummt und wendet sich zu gehen,
Doch Herr, deine Kreuz bleibt aufgerichtet stehen,
Ein Heilspanier der Welt für alle Zeiten
Und Ewigkeiten.

Mich aber laß an deinem Kreuz verweilen,
Dein schuldlos Blut soll meine Wunden heilen,
Dein bittrer Kampf soll mir den Frieden geben,
Dein Tod das Leben!

Karl Gerok

 

 

 

Caput I

Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe –

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen –
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

Heinrich Heine

 

 

 

 

Wie wohl ist dem, der dann und wann
Sich etwas Schönes dichten kann.

Der Mensch, durchtrieben und gescheit,
Bemerkte schon zu alter Zeit,
Daß ihm hienieden allerlei
Verdrießlich und zuwider sei.
Die Freude flieht auf allen Wegen;
Der Ärger kommt uns gern entgegen.
Gar mancher schleicht betrübt umher;
Sein Knopfloch ist so öd und leer.
Für manchen hat ein Mädchen Reiz,
Nur bleibt die Liebe seinerseits.
Doch gibt’s noch mehr Verdrießlichkeiten.
Zum Beispiel läßt sich nicht bestreiten:
Die Sorge, wie man Nahrung findet,
Ist häufig nicht so unbegründet.
Kommt einer dann und fragt: „Wie geht’s?“
Steht man gewöhnlich oder stets
Gewissermaßen peinlich da,
Indem man spricht: „Nun, so lala!“
Und nur der Heuchler lacht vergnüglich
Und gibt zur Antwort: „Ei, vorzüglich!“
Im Durchschnitt ist man kummervoll
Und weiß nicht, was man machen soll. -

Nicht so der Dichter. Kaum mißfällt
Ihm diese altgebackne Welt,
So knetet er aus weicher Kleie
Für sich privatim eine neue
Und zieht als freier Musensohn
In die Poetendimension.
Die fünfte, da die vierte jetzt
Von Geistern ohnehin besetzt.
Hier ist es luftig, duftig schön,
Hier hat er nichts mehr auszustehn,
Hier aus dem mütterlichen Busen
Der ewig wohlgenährten Musen
Rinnt ihm der Stoff beständig neu
In seine saubre Molkerei.
Gleichwie die brave Bauernmutter.
Tagtäglich macht sie frische Butter.
Des Abends spät, des morgens frühe
Zupft sie am Hinterleib der Kühe
Mit kunstgeübten Handgelenken
Und trägt, was kommt, zu kühlen Schränken,
Wo bald ihr Finger, leicht gekrümmt,
Den fetten Rahm, der oben schwimmt,
Beiseite schöpft und so in Masse
Vereint im hohen Butterfasse.
Jetzt mit durchlöchertem Pistille
Bedrängt sie die geschmeidge Fülle.
Es kullert, bullert, quietscht und quatscht,
Wird auf und nieder durchgematscht,
Bis das geplagte Element
Vor Angst in Dick und Dünn sich trennt.
Dies ist der Augenblick der Wonne.
Sie hebt das Dicke aus der Tonne,
Legt’s in die Mulde, flach vom Holz,
Durchknetet es und drückt und rollt’s,
Und sieh, in frommen Händen hält se
Die wohlgeratne Butterwälze.

So auch der Dichter. - Stillbeglückt
Hat er sich was zurechtgedrückt
Und fühlt sich nun in jeder Richtung
Befriedigt durch die eigne Dichtung.

Doch guter Menschen Hauptbestreben
Ist, andern auch was abzugeben.
Dem Dichter, dem sein Fabrikat
Soviel Genuß bereitet hat,
Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn,
Auch andern damit wohlzutun;
Und muß er sich auch recht bemühn,
Er sucht sich wen und findet ihn;
Und sträubt sich der vor solchen Freuden,
Er kann sein Glück mal nicht vermeiden.
Am Mittelknopfe seiner Weste
Hält ihn der Dichter dringen feste,
Führt ihn beiseit zum guten Zwecke
In eine lauschig stille Ecke,
Und schon erfolgt der Griff, der rasche,
Links in die warme Busentasche,
Und rauschend öffnen sich die Spalten
Des Manuskripts, die viel enthalten.
Die Lippe sprüht, das Auge leuchtet,
Des Lauschers Bart wird angefeuchtet,
Denn nah und warm, wie sanftes Flöten,
Ertönt die Stimme des Poeten. -
„Vortrefflich!“ ruft des Dichters Freund,
Dasselbe, was der Dichter meint;
Und, was er sicher weiß zu glauben,
Darf sich doch jeder wohl erlauben.
Wie schön, wenn dann, was er erdacht,
Empfunden und zurecht gemacht,
Wenn seines Geistes Kunstprodukt,
im Morgenblättchen abgedruckt,
Vom treuen Kolporteur geleitet,
Sich durch die ganze Stadt verbreitet:
Das Wasser kocht. - In jedem Hause,
Hervor aus stiller Schlummerklause,
Eilt neu gestärkt und neu gereinigt,
Froh grüßend, weil aufs neu geeinigt,
Hausvater, Mutter, Jüngling, Mädchen
Zum Frühkaffee mit frischen Brötchen.
Sie alle bitten nach der Reihe
Das Morgenblatt sich aus das neue,
und jeder stutzt und jeder spricht:
„Was für ein reizendes Gedicht!“
Durch die Lorgnetten, durch die Brillen,
Durch weit geöffnete Pupillen,
erst in den Kopf, dann in das Herz,
Dann kreuz und quer und niederwärts
Fließt’s und durchweicht das ganze Wesen
Von denen allen, die es lesen.
Nun lebt in Leib und Seel der Leute,
Umschlossen vom Bezirk der Häute
Und andern warmen Kleidungsstücken,
Der Dichter fort, um zu beglücken,
Bis daß er schließlich abgenützt,
Verklungen oder ausgeschwitzt.

Ein schönes Los! Indessen doch
Das allerschönste blüht ihm noch.
Denn Laura, seine süße Qual,
Sein Himmelstraum, sein Ideal,
Die glühend ihm entgegenfliegt,
Besiegt in seinen Armen liegt,
Sie flüstert schmachtend inniglich:
„Göttlicher Mensch, ich schätze dich!
Und daß du so mein Herz gewannst,
Macht bloß, weil du so dichten kannst!“

Oh, wie beglückt ist doch ein Mann,
Wenn er Gedichte machen kann!

Wilhelm Busch

 

 

 

 

 

 


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